St. Vitus Logo

Pater Rajakumar MathiasPredigt - Wallfahrt Haltern

Jahr der Barmherzigkeit
Die Lästigen geduldig ertragen

Während ich mich auf die heutige Wallfahrt vorbereitet habe wurde mir bewusst, wie sehr mich - und vielleicht auch uns alle - dieses Thema „Die Lästigen geduldig ertragen“ in unserem Alltag und unserem Leben betrifft.

Es ist unglaublich, wie oft uns Menschen begegnen, die uns auf die eine oder andere Weise lästig sind. Lästig sind uns z.B. die Menschen, die uns Dinge erzählen, die wir gar nicht wissen wollen oder die uns nichts angehen.

Manche Menschen breiten ihre Probleme vor uns aus und dabei finden sie beim Erläutern des Problems oder beim Lamentieren über die Situation einfach kein Ende und werden uns dadurch lästig.
Wieder andere zwingen uns ihre Meinung auf, lästern über andere oder wissen sowieso alles besser.
Und zu guter Letzt sind uns Menschen lästig, die uns durch ihr Tun herausfordern, weil sie uns dadurch auf die Nerven gehen.

Ehrlich gesagt habe ich kein Patentrezept und keine Lösung für dieses Problem. Aber ich habe mir so meine Gedanken gemacht und habe einige für mich wichtige Punkte herausgearbeitet:

Unsympatisch - lästig
Ein erster Punkt ist die Tatsache, dass ich gut unterscheiden muss zwischen den Menschen, die ich wirklich nicht leiden kann, die mir unsympathisch sind und die gar nicht auf meiner Wellenlänge liegen und den Menschen, die mir lästig sind.

Zu Menschen, die ich nicht leiden kann, ist es meist nur schwer möglich, einen persönlichen Zugang zu finden. Da fehlt die Verbindung und etwas in meinem Herzen ist verhärtet.

Anders verhält es sich bei Menschen, die mir lästig sind: Irgendwie mag ich diese Menschen oft sogar und ich will sie nicht aus meinem Leben ausschließen, aber ihr Verhalten bringt mich an eine Grenze.

So ist es - glaube ich - auch Jesus gegangen. Schaut man in die Bibel, so erkennt man klar, wen Jesus hart angeht und bei wem er nachsichtig ist.

Seine Jünger gehören zu denen, mit denen er immer wieder nachsichtig war. Ich vermute, dass sie Jesus manches Mal lästig waren, mit all ihrer Fragerei, mit ihrem Rangstreit und mit ihrem ‚wichtig sein wollen‘. Petrus ist das beste Beispiel dafür.
Wenn ich diese Unterscheidung getroffen habe, dann fällt es mir auch leichter, barmherzig zu sein.
Dabei spielt dann ein zweiter Punkt eine große Rolle.

Geduldig sein
Es geht nicht einfach darum, dass ich die Lästigen ertragen soll, sondern ich soll sie geduldig ertragen. Für mich liegt genau in dieser Geduld das Geheimnis der Barmherzigkeit.

Geduld heißt, dass ich etwas in Ruhe angehe und abwarten kann. Geduld hat etwas damit zu tun, dass ich ausharren kann, langmütig bin, etwas aushalte oder vielleicht sogar einfach nur ertrage.

Wenn ich die mir Lästigen geduldig ertrage, dann ändert diese Geduld etwas in mir. Die Geduld verlagert das Gewicht des Lästig­-seins. Der andere mag mir auf den ersten Blick noch immer lästig sein, keine Frage, aber wenn ich warten kann, wenn ich ausharren kann in der Gegenwart eines solchen Menschen und wenn ich ihn geduldig ertrage, ändert sich womöglich das Bild, das ich von diesem Menschen habe und damit verändert sich dann auch mein Verhalten ihm gegenüber.

Das Kreuz mittragen
Der dritte Gedanke, den ich hier anführen möchte, mag in Ihren Ohren vielleicht etwas gewagt klingen: Ich habe vorhin gesagt, dass ein Mensch, auch wenn er lästig ist, mein Herz berühren kann, wenn ich geduldig mit ihm bin, weil ich dann seine Not erkenne und weiß, dass er meiner Barmherzigkeit bedarf.

Mein Kopf hat diesen Gedanken weiter gedacht und ich habe mich gefragt, ob es auch sein kann, dass Gott es mir vielleicht sogar zumutet, diesem für mich lästigen Menschen zu begegnen. Nicht aus einer Gemeinheit heraus, sondern weil er es mir zutraut, die Last dieses Menschen mitzutragen, seine Not mitzutragen, wenn auch nur für den kurzen Augenblick, in dem ich ihm zuhöre und ihn nicht abweise.
Ja, genau in diesem Augenblick trägt der andere das Kreuz in seinem Leben nicht mehr alleine, sondern ich trage es mit. Wenn auch nur ein kleines Stück. So wird aus dem Lästig-Sein des anderen ein für mich geduldiges Er-Tragen.

Mein Beispiel und Vorbild ist hier ebenfalls Jesus. Er trägt mit uns unser Kreuz und nimmt es nicht selten ganz auf sich.

Schleifstein sein
Ein vierter Gedanke ist der, dass Gott solche Menschen gebraucht, damit ich mich selbst weiter entwickle.

Meine Bereitschaft mich selbst zu ändern ist oft gering, weil ich es mir in meinem Leben doch irgendwie bequem eingerichtet habe. Wenn ich einem lästigen Menschen begegne, begegne ich auch immer ein Stück weit mir selbst. Der andere bringt mit seinem Lästig-Sein in mir etwas zum Schwingen, wie auch immer das aussehen mag.

Aber offenkundig ist es eine Art Widerstand, der sich da in mir breit macht, und mit diesem Widerstand habe ich gleichzeitig die Chance, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich habe die Chance, mein Verhalten oder meine Einstellung zu ändern. So werden die lästigen Menschen für mich zu einem Schleifstein, der mich feilt und schleift, damit ich das werde, was ich in Gottes Augen eigentlich bin.

Und wenn ich ehrlich bin, so werde auch ich manchmal zum Schleifstein für andere, weil auch ich anderen lästig sein kann. Wenn ich das verstehe, dann kann ich den anderen, auch wenn er mir lästig oder eine Bürde ist, anders annehmen. Dann will ich sogar geduldig mit ihm sein, weil ich weiß, dass Gott mich durch ihn bewegt.

Barmherzig sein
Und der letzte Gedanke, den ich zu diesem Thema hatte, war der, dass ich keinen Grund habe, unbarmherzig zu sein. Egal wie lästig mir ein Mensch ist und egal, ob meine Geduld am Ende oder aufgebraucht ist, egal in welcher Konstitution ich mich befinde. Warum?

Jesus hat uns seinen Heiligen Geist als Begleiter versprochen. Eine der Früchte des Heiligen Geistes ist die Geduld, manchmal auch als Langmut bezeichnet. Warum also nicht auch Jesus mit ins Boot holen und ihn um seinen Geist bitten, wenn ich merke, dass es nicht weitergeht mit mir und dem anderen, wenn ich sein Lästig-Sein nicht mehr ertrage.

Jesus hilft uns immer. Und wenn ich das weiß, dann habe ich auch gar keine Ausrede mehr, unbarmherzig zu sein. Egal was.

Trotz dieser Gedanken weiß ich, dass ich wieder in die Situation kommen werde, in der mir ein Mensch lästig ist. Ich weiß, dass ich mich dann selbst wieder an das erinnern muss, was ich Ihnen nun gesagt habe und ich weiß, dass ich an mir selbst arbeiten muss. Und ich weiß, dass ich dabei vielleicht das eine oder andere Mal doch scheitern werde.

Aber ich glaube, dass es Gott wichtig ist, dass wir nicht aufgeben und leichtfertig sagen: ich schaffe das nicht. Barmherzigkeit hat nämlich die Eigenschaft, dass sie sich selbst nie aufgibt und deshalb dürfen wir sie auch nicht aufgeben.

Bleiben Sie dran.

Pater Rajakumar Mathias