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Thoelogisches Forum am 25.09.13Theologisches Forum Lüdinghausen
25.09.13 - Das Theologische Forum Lüdinghausen war erstmals in Olfen zu Gast. Und alle, die mit hohen Erwartungen in das brandneue Haus Katharina gekommen waren, erlebten auch einen hochinteressanten Abend zum Thema „Das Menschenbild in Lebenswissenschaften und Biotechnologie“.

 Dem münsterschen Univ.-Prof. Dr. Michael Quante, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und als Politikberater im Deutschen Ethikrat für Fragen zuständig, die genau damit zu tun haben, gelang es, höchst komplexe aktuelle Problemstellungen der Bioethik an ausgewählten Beispielen zu veranschaulichen.

In der öffentlichen Debatte über „Fortpflanzungsmedizin“ (Darf man nach künstlicher Befruchtung genetisch defiziente Embryonen töten?), „Transplantationsmedizin“ (Rettung durch Organspende möglich, aber dunkle Seiten beim Organhandel), „Hirndeterminismus“, „Transhumanismus“, „Pflegeroboter“ (für „schmutzige“ Arbeiten an alten/kranken Menschen) und „Nanotechnologie“, also über Chancen und Grenzen für technische Möglichkeiten einer Optimierung natürlicher Körper-Funktionen und menschlicher Tätigkeiten, würden sehr oft tief verankerte religiöse bzw. weltanschauliche Grundeinstellungen berührt, die mit konträren Bildern vom Menschen zu tun haben. Kein Wunder also, wenn der politische Streit oft sehr emotional geführt wird.

Was aber ist der Mensch? Eine biomechanische Konstruktion, eine „Maschine“? Oder ein Wesen mit Personalität, Freiheit und Würde, das lieben und hassen kann? Anhängern der letzteren Definition erscheint mancher Wissenschaftler, der mit Stammzellen experimentiert, als Menschenverächter. Das sei auch ein Problem der Kommunikation, so Quante. Denn er selbst sehe sich vermutlich durchaus nicht als ein Nachfahre Frankensteins, sondern als Forscher im Dienst des Menschen.

Nach Quante ist es die Aufgabe der Philosophen, in dem leicht ins Irrationale abgleitenden gesellschaftlichen Streit einen kühlen Kopf zu bewahren und die differenzierende Vernunft immer wieder ins Spiel zu bringen, als Anwalt des Menschlichen. Dabei sei auch zu beachten, dass das Denken über den Menschen sich im Laufe der Kulturgeschichte ständig gewandelt habe.

So warnte Quante auch vor „falschen Blockbildungen“. Wissenschaft und Humanismus sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden: Menschen, die vor zu viel „Wissenschaftsgläubigkeit“ (Szientismus) warnen, seien damit längst nicht automatisch Anhänger einer Bevormundung des Einzelnen durch andere Menschen oder mächtige Institutionen oder stünden den Wissenschaften generell ablehnend gegenüber.

In den großen bioethischen Fragen gebe es auch niemals nur eine Lösung A oder B, sondern durchaus mehrere Möglichkeiten. Die humane und die inhumane Seite eines bestimmten Handelns lägen zudem oft dicht beieinander.

Quante neigt an dieser Stelle, wenn er an die gesellschaftliche Durchsetzungsfähigkeit einer Vernunft denkt, zum Pessimismus: Es seien „das Getöse des trendig-bunten Zeitgeist(es)“ und „der alles nivellierende Sieg der Verwertungsinteressen“ in einer neoliberalen Marktwirtschaft, die einem humanen technischen Fortschritt im Wege stehen. Müssen Werte wirklich „markttauglich“ sein? Und darf man eigentlich von Kindern als „Humankapital“ sprechen? Doch diese pessimistische Einschätzung dürfe nicht als Rechtfertigung dafür genommen werden, sich nicht mehr zu engagieren oder gar in einen gleichermaßen inhumanen Zynismus zu verfallen.

In der anschließenden Diskussion wurden weitere grundlegende Fragen erörtert zum Beispiel:

  • Gibt es eine wertfreie Forschung?
  • Sind Ärzte am Krankenbett auch kompetente Berater der Angehörigen und verantwortungsbewusste Entscheider, wenn ein Leben dem Ende zustrebt?
    Und schließlich:
  • Müssten wir als Bürger einer demokratischen Gesellschaft nicht viel intensiver über die Gefahren für die Menschlichkeit sprechen?
  • Und wie blicken wir eigentlich auf die Menschen, die sozial abgehängt sind, in unserem Land, in (Süd-)Europa und in anderen Teilen der Welt?

Karl-Heinz Kocar
Leiter des Theologischen Forums Lüdinghausen

 


 

Foto: wezeSind Werte markttauglich?
Theologisches Forum: Michael Quante referierte über das Menschenbild

28.10.13 -khk- LÜDINGHAUSEN. Das Theologische Forum Lüding­hausen war jetzt erstmals in Olfen zu Gast. All diejenigen, die mit hohen Erwartungen in das brandneue St.-Vitus­-Pfarrheim gekommen wa­ren, werden nicht enttäuscht gewesen sein. Hochinteres­sant war der Abend, der unter dem Thema „Das Men­schenbild in Lebenswissen­schaften und Biotechnolo­gie" stand.

Prof. Dr. Michael Quante, Präsident der Deutschen Ge­sellschaft für Philosophie, gelang es, höchst komplexe Problemstellungen der Bio­ethik an Beispielen zu veran­schaulichen. In der öffentlichen Debatte über Fort­pflanzungsmedizin (Darf man nach künstlicher Be­fruchtung genetisch defi­ziente töten?), Transplanta­tionsmedizin, Pflegeroboter oder beispielsweise Nano­technologie würden sehr oft tief verankerte religiöse be­ziehungsweise weltanschau­liche Grundeinstellungen berührt. Kein Wunder also, wenn der politische Streit oft sehr emotional geführt wird.

Was ist der Mensch? Nur eine biomechanische Konst­ruktion? So mach einer sieht in Wissenschaftlern, die mit Stammzellen experimentie­ren, Menschenverächter. Das sei auch ein Problem der Kommunikation, ist Michael Quante überzeugt. Nach sei­ner Meinung ist es die Auf­gabe der Philosophen, in dem leicht ins Irrationale ab­gleitenden gesellschaftlichen Streit einen kühlen Kopf zu bewahren und die differen­zierende Vernunft immer wieder ins Spiel zu bringen. Dabei sei auch zu beachten, dass das Denken über den Menschen sich im Laufe der Kulturgeschichte ständig ge­wandelt habe.

So warnte der Referent vor „falschen Blockbildungen": Wissenschaft und Humanis­mus sollten nicht gegenei­nander ausgespielt werden; Menschen, die vor zu viel „Wissenschaftsgläubigkeit" warnen, seien damit längst nicht automatisch Anhänger einer Bevormundung des Einzelnen durch andere Menschen oder mächtige Institutionen. In den großen bioethischen Fragen gebe es niemals nur eine Lösung A oder B, sondern immer meh­rere Möglichkeiten. Die hu­mane und die inhumane Seite eines bestimmten Han­delns lägen oft dicht beiei­nander.

Quante neigt an dieser Stelle, wenn er an die gesell­schaftliche Durchsetzungsfä­higkeit einer Vernunft denkt, zum Pessimismus: Es seien „das Getöse des tren­dig-bunten Zeitgeistes" und „der alles nivellierende Sieg der Verwertungsinteressen" in einer neoliberalen Markt­wirtschaft, die einem huma­nen technischen Fortschritt im Wege stehen. Müssen Werte wirklich „markttaug­lich" sein? Und darf man eigentlich von Kindern als „Humankapital" sprechen? Doch diese pessimistischen Einschätzung dürfe nicht als ,Rechtfertigung dafür ge­nommen werden, sich nicht zu engagieren oder gar in einen gleichermaßen inhu­manen Zynismus zu verfal­len.

In der anschließenden Diskussion wurden weitere grundlegende Fragen er­örtert: Gibt es eine wertfreie Forschung? Oder: Sind Ärzte am Krankenbett auch kom­petente Berater der Angehörigen und verantwortungs­bewusste Entscheider, wenn ein Leben dem Ende zu­strebt? Und schließlich: Müssten wir als Bürger einer demokratischen Gesellschaft nicht viel intensiver über die Gefahren für die Mensch­lichkeit sprechen? Und: Wie blicken wir eigentlich auf die Menschen, die sozial abge­hängt sind, in unserem Land, in (Süd-)Europa und in anderen Teilen der Welt?