St. Vitus Logo

Fernand Braun unterweist am Benediktushof bei Würzburg Menschen im Meditieren. Jetzt war er Referent beim „Theologischen Forum“. Foto: Johannes HelingDi, 10.11.15 - Theologisches Forum Lüdinghausen / Olfen

„Nicht gedenke man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun, man soll Heiligkeit gründen auf ein Sein!“ Diese Grundregel gibt der 1260 geborene Eckhart von Hochheim, besser bekannt als der Dominikanerpater „Meister Eckart“, denen mit, die den „mystischen“ Weg der Selbst- und Gotteserkenntnis beschreiten wollen. Und weiter: „Je freier wir von uns selbst sind, umso mehr gewinnen wir uns.“

Dieser personale Ur-Grund, den Meister Eckhart in seinen Predigten immer wieder umkreist, wird in der religiösen Weisheitslehre Ostasiens „Atman“ genannt oder „Buddha-Natur“: Lässt ein Mensch, seine ureigenste Wirklichkeit zur Entfaltung kommen, so ist er imstande, daraus die Welt positiv zu gestalten und zu durchdringen.

Diese feste Überzeugung vertrat am Dienstag auch der dritte und letzte Referent des diesjährigen Theologischen Forums: Seit Jahren unterweist Fernand Braun in seinen Kursen am Benediktushof Holzkirchen (bei Würzburg) Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft darin zu meditieren. Mehr als 60 Zuhörer und Gesprächspartner folgten jetzt im Haus Katharina gespannt den Ausführungen des Kontemplationsmeisters.

interessierte Zuhörer im Haus KatharianMitte der 1980-er-Jahre war der studierte Theologe Braun durch Willigis Jäger (*1925) selbst auf diesen Weg gebracht worden. Jäger, vormals Mönch und Priester, hatte viele Jahre in Japan gelebt und war dort zu einem (buddhistischen) „Zen-Meister“ gereift. Dessen Meditationspraxis habe Braun damals davon überzeugt, dass alles erworbene Wissen, alle rationalen Konzepte und Vorstellungen nur eine relative Bedeutung besäßen. Künftig galt auch für ihn die Regel, die allein zu einem erfüllten Ich führe: „Entleere dich! Öffne dich dem Göttlichen in dir!“

Die Organisation der eigenen Lebensstruktur setzt nach Braun eine Distanz zum eigenen Erleben der Welt und zum eigenen Denken voraus. Es gehe in der Meditation um eine Hingabe an den Augenblick, ein  „Los-lassen“: Das sei auch das Geheimnis des Glaubens, der – erst recht im Tode - wesenhaft „Vertrauen“ auf einen umfassenden Sinn sei. Um mit dem Mystiker Johannes Tauler (1300-1361) zu sprechen: Der Mensch möchte zwar stets die Dinge dieser Welt (be-)greifen. „Aber wir haben das Leben nicht in der Hand.“

Aus der durch radikale Offenheit gewonnenen inneren Freiheit heraus könne auch der Glaube eine ungeheure Vertiefung erfahren, insofern er sich nicht mehr in erster Linie an Doktrinen gebunden fühle. Im Innersten erlebe man das, was auch Paulus als spirituelles Zentrum beschreibt: die allumfassende „Liebe“ (1 Kor 13), die zu entsprechenden Taten drängt. Erst dann sei man auch imstande, sich selbst in der Begegnung mit einem „Du“ besser zu erkennen (so auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber).

Mit Worten der Kirchenlehrerin Teresa von Avila (1515-1582) verdeutlichte Braun das Ziel der gegenstandslosen Meditation: Im Verlöschen des Ichs erfahre man, dass „der Tropfen (die individuelle Existenz) nicht mehr vom Meer (des Göttlichen) zu trennen“ sei. Die Sehnsucht nach Erfüllung - der eigentliche Motor der Ich- und der Gotteserfahrung - ziele letztlich auf Überschreitung der Individualität, auf etwas „Transpersonales“. Der „erfüllte Augenblick“ sei ein reines Geschenk, das man auch „Gnade“ nennen könne.

In der Diskussion wies Braun der kritischen Vernunft eine instrumentelle Funktion zu. Sie sei nicht die eigentliche Quelle der Ethik, aber sehr dienlich, um im gesellschaftlichen Bereich Unterscheidungen zu treffen. Erst ein tiefes „Mitgefühl“ führe dazu, dass man sich Emotionen wie Hass oder Bewunderung nicht einfach ausliefere. Dann könne man die eigene innere Wahrheit als „lebendiges Wasser“ und „kostbare Perle“ (Bilder aus der Bibel) erfahren. Und nur so entstehe auch Glaubwürdigkeit nach außen.

Als Gegenbeispiel nannte Braun die menschenverachtenden Taten der „Gotteskrieger“, bei denen der blanke Hass auf die „Ungläubigen“ das Ergebnis einer ungeheuren ideologischen Indoktrinierung sei.