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Pfarrer Thorsten MelchertDenn sie hatten keinen Raum in der Herberge

Pfarrnachrichten 'Gemeinsam unterwegs 2014'

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
„Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge" - diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte in der Formulierung Luthers habe ich ungezählte Male gehört und gelesen: in den Gottesdiensten am Heiligen Abend.
Im Rahmen eines Krippenspiels, einer Predigt oder einer meditativen Christmette waren diese Worte zu hören. Zugleich der unverkennbare Duft von Weihnachten: der geschmückte Baum, erwartungsvolle Kinderaugen, stimmungsvolle Lieder und Erwartungen an dieses Fest des Friedens - alle Jahre wieder.


Als mir in der Vorbereitungszeit auf das diesjährige Fest 2014 dieser Satz das erste Mal in den Sinn kam, drängten sich neben Maria, Josef und dem Kind auch die Boote aus Lampedusa und andere Bilder ins Bewusstsein:

Und es begab sich zu der Zeit, dass Gewalt und Not sie aus ihrer Heimat vertrieb, denn sie fürchteten sich sehr um das Wohlergehen der Menschen, die sie lieb hatten. Voller Erwartungen und Hoffnungen kamen sie in ein Land, von dem sie hofften, dass es ihnen dort besser ergehen würde.

Nach einer gefahrvollen Fahrt über ein schier endloses Meer kamen sie mit den Ihren unter in Massenunterkünften. Von dort gebot man ihnen in andere fremde Orte zu ziehen. Dort wurden sie in einfachsten Wohnungen untergebracht.

Vielleicht würde die Weihnachtsgeschichte - wenn der Evangelist Lukas sie denn heute schreiben würde - so ähnlich beginnen. Lukas hatte ein Herz für die Not der Menschen. Er versuchte Ihnen nahe zu bringen, dass Gott zu den Ausgestoßenen kam. Er wollte die an den Rand gedrängten, die Vergessenen und die nicht Beachteten trösten, in dem er auch - und gerade ihnen - Gottes Nähe zusagte.

Ich freue mich, wenn Menschen sich für andere einsetzen, die in einer schwierigen Situation sind: an Leib oder Seele krank, aus ihrer Heimat vertrieben oder die überfordert sind mit allem, was auf sie eindrängt. Wohl jedem von uns kommen dabei konkrete Personen in den Sinn. Denen, die sich hier helfend mit einbringen, sei auch an dieser Stelle herzlich gedankt.

Konkrete Personen die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, kamen früher aus dem Osten: Schlesien, Pommern, Ostpreußen. Später kamen andere, die für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft erhofften, auch aus Kasachstan, Russland und der Ukraine. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurden sie hier heimisch, bauten Häuser, schickten ihre Kinder zur Schule und engagierten sich in unseren Kirchengemeinden, Sportvereinen oder andernorts in unserer Stadt. Sie gehören mittlerweile zum festen Bestandteil unserer Gesellschaft.

Heute kommen Menschen aus Äthiopien, Eritrea, Guinea, Bangladesch, Pakistan, Afghanistan, Sri Lanka, Algerien und anderen Ländern. Viele von ihnen haben sich erfolgreich bemüht und sprechen mittlerweile gut deutsch, besuchen das Café International im Haus Katharina, engagieren sich beim Sport, dem Sommerferienprogramm oder an anderen Stellen. Nicht jedem fällt es leicht, sich in der für ihn fremden Umgebung einzubringen. Helfen wir ihnen.

„Denn Sie hatten keinen Raum in der Herberge" ist der einzige Satz mit einer Verneinung in der Weihnachtsgeschichte. Es ist das Nein des Menschen, der dem Mitmenschen und dem menschgewordenen Gott keinen Platz gönnt. Diesem Nein der verschlossenen Türen und - schlimmer noch - der verstockten Herzen steht das Ja Gottes gegenüber: Gottes Ja zu den Menschen.

Gott selbst ist in diesem Kind. Er hat sich nicht gescheut, sich auf die furchtbaren Plätze einer trostlosen Zeit einzulassen und hat Platz gefunden – zwischen diesen Menschen. Wollen auch wir ihn finden und ihm begegnen, wagen wir doch Schritte in die Richtung, auf die uns Lukas wies.

Mit erwartungsvollem Gruß
Ihr Pfarrer Thorsten Melchert

Auszug aller Ausländer
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