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Auf einem Paseo mit den Jungs hat es stark geregnet, so dass wir stecken geblieben sind und alle mit anschieben mussten, um das Auto zu befreien. Ein riesen Spaß.
12. 2011 - im Herzen Südamerikas

Rundbrief Nr. 2 von Tobias Eckmann

Hola,
nachdem ich gute vier Monate in Paraguay lebe möchte ich euch und Ihnen einen Einblick in mein Leben gewähren und von meinen Eindrücken und Erfahrungen berichten.

Ich wünsche meiner ganzen Familie, den Big 5, allen meinen Freunden, meinen Mit-MaZlern, meinen Bekannten und meinen Spendern von Herzen frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr 2012.

Natürlich wünsche ich allen Messdienerinnen und Messdienern ein fantastisches Ferienlager und eine super Zeit.

Viel Spaß beim Lesen,
Euer Tobias

Arbeit:

Ich sitze in meinem ventilatorgekühlten Zimmer und bin froh, der Hitze vorerst entkommen zu sein. Denn die Monate Dezember und Januar sind die beiden Sommermonate auf der Südhalbkugel und die Spitzentemperaturen liegen in Paraguay bei sommerlichen 45° Grad.

Deswegen sind die einzigen Ferien im Jahr auch zehn Wochen lang und dauern von Anfang Dezember bis Mitte Februar. Das bedeutet für uns, die Freiwilligen, die Erzieher und die Salesianer, die im Don Bosco Roga arbeiten, dass wir die Kinder, die nun auch den ganzen Vormittag Zeit haben, auf eine möglichst sinnvolle Art und Weise beschäftigen müssen.

Drei unserer Jungs in der Holzwerkstatt. Wie immer fleißig am Arbeiten.Hierzu haben Anton, der zweite deutsche Freiwillige, und ich unsere Vormittage im November genutzt um die ehemalige Holzwerkstatt wieder herzurichten, die in den letzten drei Jahren, da sie nicht benutzt wurde, im paraguayischen Chaos untergegangen ist. Leider konnte uns niemand sagen, was mit dem Großteil der damals vorhandenen Werkzeuge passiert ist. Es hieß, dass sie wohl „verloren gegangen“ seien. Doch dank Ihrer und eurer Spenden konnten wir  die fehlenden Werkzeuge einkaufen, so dass wir nun vormittags von 9 bis 11 Uhr den Kindern der „Residencia“ Werkunterricht geben können.

Die Projekte, die wir bereits ungesetzt haben oder noch umsetzen wollen, sind unter anderem Brettspiele wie Dame, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder Mühle oder andere Spiele wie Wikinger-Schach und Stelzen bauen, aber auch Regale, Servierten Halter und Kleiderhacken. Hierbei ist uns wichtig, dass die Kinder selbst etwas erarbeiten, was sie nachher nutzen können.

AG Englisch und Erdkunde
Außerdem haben wir diese Woche angefangen den zehn Jungen, die über die Ferien nicht in ihre Familie gehen aber lesen und schreiben können, in einer Art AG Englisch und Erdkunde beizubringen. Einige Kinder sind wirklich interessiert und wir hoffen, ihnen in den Ferien neben all dem Fußball, Spielen im Pool und Ausflügen etwas vermitteln können. Aber auch hier haben wir wieder gemerkt, dass viele unserer Ex – Straßenkinder sehr große Probleme haben, sich über längere Zeit zu konzentrieren und zu lernen.

Die Analphabeten, von denen die ältesten bereits 14 Jahre alt sind, sollen morgens eine Stunde außerhalb des Heimes unterrichtet werden. Allerdings ist dies zum einen kompliziert, weil man jeden Morgen schauen muss, ob die Lehrerin Zeit hat oder ob es irgendwelche anderen Gründe gibt, warum der Unterricht verschoben wird oder ausfallen muss. Der andere Grund, der die Alphabetisierung so schwierig macht ist, dass einige Jungs in ihrer Zeit auf der Straße Drogen genommen haben, die so gravierende Schäden hinterlassen haben, dass sie seit zwei Jahren lesen lernen und dennoch keine nennbaren Erfolge zu verzeichnen sind.

Gerade die typisch paraguayisch fehlende Planung macht unsere Ferienprogramm sehr spontan, da wir jeden Morgen schauen müssen, welche Kinder gerade Zeit haben und welche Kinder noch irgendwelche anderen Aufgaben zu erledigen haben.

Die Nachmittage verbringe ich nach wie vor in der „Albergue“, dem Teil des Don Bosco Roga´s. Hier verbringen die Kinder ihre ersten vier Monate im Heim und sich an das Leben in einem sicheren sozialen Umfeld mit festen Regeln zu gewöhnen. Diese Woche (23. Dezember) werden fünf der anfänglich zehn Kinder in die „Residencia“ umziehen. Sie habe ich zusammen mit Erziehern, Tutor und Psychologe vier Monate begleitet .

Direkt hinter dem Präsidentenpalast am Flussufer liegt eines der Armenviertel von Asunción.  Dort wurden Anton und ich von einer Frau gewarnt nicht weiter zu gehen, weil es hier zu gefährlich für uns sei.  Dieses Viertel ist, wie wir nachher herausfanden, eine „Zona Roja“, die es leider in einigen Gebieten der Stadt gibt. Selbst die Polizei betritt diese Zonen nur selten.In dieser Zeit habe ich die Jungs echt gern gewonnen und zu den Kindern starke Beziehungen aufbauen können, da ich fast jeden Tag mit ihnen verbracht habe. Außerdem habe ich ihre unglaubliche Entwicklung beobachten können. Denn die Straßenjungen, von denen der Großteil während der Zeit auf der Straße mit Diebstahl, Prostitution und Drogen in Berührung gekommen ist, haben sich anfänglich geschlagen, unterdrückt und gedemütigt, haben wo sie grad standen uriniert, auch dann wenn sie gesehen haben, dass sie uns damit ärgern können. Sie verhielten sich in vielerlei Hinsicht wie Tiere.

Doch nach nur vier Monaten in einem sicheren, sozialen Umfeld, der Befriedigung der Grundbedürfnisse nach Essen und Hygiene und dem Zusammenleben mit Personen, die sie lieben und das täglich zeigen, haben sie sich zu schwierigen Kindern entwickelt. Natürlich bleiben viele Probleme, einige leider ein Leben lang, denn wie unser „Padre Director“ Anton und mir in unseren wöchentlichen Besprechungen erklärt hat, zerstört die Zeit in der Straße unglaublich viel in einem jungen Menschen. Das Vertrauen in andere Menschen wird völlig zerstört und es ist schwierig, das wieder aufzubauen. Einige der älteren Jungs können nach vier Jahren im Heim immer noch nicht den Menschen, mit denen sie leben, vertrauen.

Meine Aufgabe war, für die Kinder da zu sein. Wir haben viel gespielt, denn grade das hat den Jungen zwischen 11 und 14 Jahren in der Straße gefehlt. Ich habe mit einem Erzieher Mathe- und Spanisch-Aufgaben vorbereit und die Hausaufgaben der Vorschule mit den Jungen erledigt. Wir haben einen kleinen Garten angelegt, in dem sie Gemüse anpflanzen können. Wir haben das völlig unbrauchbar gewordene Volleyballfeld wieder aufgebaut, Rasen und Palmen gepflanzt und Mauern gestrichen. Wir haben das Haus der Kinder lebenswerter gemacht, wobei die Jungen selber immer mit viel Einsatz dabei sind.

Die andere Hälfte der Jungs, die die „Albergue“ angefangen haben, sind zum Teil in ihre Familien zurückgekehrt. Sie wurden im Don Bosco Roga aufgefangen und der Kontakt mit der Familie konnte wieder hergestellt werden. Oder sie sind auf die Straße zurückgekehrt.

Einer unserer Jungs vor dem Haus, in dem er mit seiner Familie gelebt hat. Auch ich durfte ein Kind auf seinem Familienbesuch begleiten und habe miterlebt aus welchen Verhältnissen und aus welcher Armut die Kinder kommen.Die Kinder, die wieder auf der Straße sind, sind meistens stark Drogen abhängig. Außerdem können sie in der Straße machen was sie wollen. Es gibt niemanden, der ihnen sagt, was sie machen sollen und ihnen Grenzen vorschreibt.

In diesen Fällen reden wir auf die Kinder ein und versuchen sie zum Bleiben zu überreden. Allerdings werden die Kinder im Don Bosco Roga nicht gegen ihren Willen festgehalten. Es herrscht das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Kinder müssen hier leben wollen und das Heim der Straße oder ihrer Familie vorziehen.

„Communidad“ und Religion

Im Oktober wurde das alte Gebäude der Metall-Werkstatt, dass seit Jahren nicht mehr genutzt wird, in ein Haus der Freiwilligen umgebaut. Somit konnten sowohl Anton und ich als auch Amin und Guido, zwei paraguayische Freiwillige, die im kommenden Jahr selbst Salesianer werden wollen, Anfang November in das neue Haus umziehen.

Die Zimmer sind nach deutschem Verhältnis klein und rustikal. Nach paraguayischem Verhältnis aber schon fast luxuriös. Zum Vergleich: eine gute Freundin von mir schläft mit ihren elf Geschwistern und ihren Eltern in einem großen Zimmer.
Einer der Gründe, warum ich froh bin umgezogen zu sein: ich muss meinen neuen Duschkopf beim Duschen nicht mehr festhalten, so wie es in meinem alten Zimmer der Fall war.

Neben den örtlichen Veränderungen wird sich in unserer Kommunität zum Jahreswechsel auch personell einiges ändern. Ein Salesianer sowie die beiden paraguayischen Freiwilligen werden uns verlassen. Dafür bekommen wir von einem paraguayischen und zwei vietnamesischen Salesianern Unterstützung, die das kommende Jahr im Don Bosco Roga leben und arbeiten werden.

Anton und ich in dem Zeltlager mit einigen Jugendlichen der Salesianer. Dort habe ich mein altes Hofbräuhaus T-Shirt gegen ein Trikot der Nationalmannschaft getauscht.Im November haben hier 400 Jugendlichen der Salesianer für ein Wochenende gezeltet, was eine super gute Erfahrung für mich war. Denn ich habe viel Zeit mit gleichaltrigen Jugendlichen verbracht. Wir haben gelacht, getanzt, gesungen und über Gott und die Welt gesprochen. Anton und ich als Deutsche waren das Hi-Light des Zeltlagers und mussten wir am letzten Abend natürlich ein deutsches Lied singen. Also haben wir mit Gitarre und Mikrofon auf der Bühne vor 400 Menschen „Heute hier, morgen dort“ gesungen. Und als Anton nachher noch ins Mikro rief: „Cerro Campeón“ (Cerro ist einer der beiden großen Fußballvereine in Paraguay) jubilierte zumindest die eine Hälfte unsere neuen Freunde begeistert.

Ein weiteres schönes wenn auch unerwartet anstrengendes Erlebnis war unsere Pilgerwanderung nach „Caacupe“ am 8. Dezember. In der Woche rund um den 8. Dezember machen sich ca. 2 Millionen Menschen - ein gutes Drittel aller Paraguayer - auf den Weg, um die Jungfrau von „Caacupe“ um Beistand zu bitten. Auch wir haben uns direkt nach der Arbeit auf den Weg gemacht und sind in der Nacht vom 7. auf dem 8. Dezember gute fünf Stunden gewandert. Es war unglaublich Beeindruckend, so viele Menschen zu sehen. Alle Straßen nach „Caacupe“ waren voller Menschen. Die letzten 15 Kilometer konnten keine Autos mehr fahren . Ganze Familien kamen den weiten Weg aus allen Ecken des Landes, auch viele alte Menschen und Eltern, die den ganzen Weg ihre Kinder auf dem Arm trugen.

Freizeit und Ausreise

Ende Oktober 2011 habe ich eine dreitägige Reise unternommen, um zusammen mit Anton erste Eindrücke außerhalb der Hauptstadt Asunción zu sammeln.

Der Besuch der Wasserfälle von Yguasu. Atemberaubend!Also haben wir unsere Rucksäcke gepackt und sind für 14 Euro mit dem Bus quer durchs Land gefahren, um in „Ciudad del Este“, die Stadt, die als Supermarkt Südamerikas bekannt ist, die brasilianische Grenze zu überqueren. Dort haben wir zusammen mit einem Engländer und einem Kolumbianer, die wir an der Grenze getroffen haben, eine gute Jungenherberge für die Nacht gefunden. Am nächsten Tag haben uns die unglaublichen Wasserfälle von Yguasu angeschaut, die nicht ohne Grund eines der sieben Weltwunder der Natur sind.

Gleich neben den Wasserfällen gab es ein Zoo, den wir natürlich auch besuchen mussten.In den Ruinen der Jesuiten. Beeindruckende Ruinen und eine beeindruckende Natur.Nachdem wir dort staunen einen Tag verbrachten und viele Fotos gemacht haben, verabschiedeten wir uns von unseren neuen Freunden und sind ähnlich preiswert nach Argentinien gefahren. Wir besuchten zwei befreundete Freiwillige in ihrem Projekt  und die Jesuiten Ruinen von San Ignacio. Diese riesigen Siedlungen, die von den Jesuiten und Indigenas gegründet wurden, sind einfach beeindruckend. Am nächsten Morgen sind wir mit einem noch preiswerteren Bus zurück nach Asunción gefahren. Leider saßen wir dafür aber auch 6 Stunden in einem überfüllten Bus, in dem bei 35°C die Klimaanlage defekt war.

Ein häufig zu sehendes Pferdegespann, die zwischen den vielen Autos verloren wirken.Ein typisches Bild im „Mercado 4“, einem der  großen Märkte  von Asunción. Das paraguayische Verkehrschaos und die Stromkabel-Gewirr sind aber in der ganzen Stadt aufzufinden.Die Freizeit hat sich in den Ferien geändert, da wir nun nicht mehr vom Mittagessen bis zum Abendessen arbeiten, sondern dank unserer neuen Aufgaben von 9 bis 16 Uhr arbeiten. Somit haben wir zumindest in den Ferien die Nachmittage zur freien Verfügung und haben nun endlich die Zeit, auch Freundschaften außerhalb des Heimes aufzubauen und zu pflegen. Unser freier Tag in der Woche bleibt der Samstag.

In den Ferien habe ich nun die Zeit mit Freunden „Terere“ zu trinken, man quatscht viel und ich genieße die Zeit außerhalb des Heimes.

Nun spreche ich viel fließender Spanisch und kann mich ganz gut ausdrücken. Allerdings muss ich einsehen, dass man die Paraguayer nur gut verstehen kann, wenn man auch die indigene Sprache „Guarani“ beherrscht. Wenn die Menschen hier mit guten Freuden sprechen oder über Gefühle und persönliche Dinge reden verwenden sie in der Regel Guarani. Somit werde ich im kommenden Jahr noch einen Sprachkurs in „Guarani“ besuchen dürfen und diese so andere Sprache lernen.

Euer Tobias