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Mai 2012
Hola!
Und viele Grüße an meine super Familie, alle meine lieben Freunde und an die Bekannten, an meine Spender und an alle, die diesen Rundbrief lesen.

Ich habe es endlich geschafft, mir ein bißchen Zeit zu nehmen um zu berichten, wie es mir grade geht. Seit meinem letzten Lebenszeichen ist viel passiert und ich habe versucht euch einige Einblicke zu geben und die wichtigsten Ereignisse zu schildern. Falls Sie und euch noch irgend etwas brennend interessiert schreibt mich an und fragt mich.

Vielen Dank an alle, die an mich denken, mir schreiben und ganz besonders an meine Lieblings -Eltern, die mich im April besucht haben. Das war eine super Erfahrung und ich habe die Zeit mit ihnen sehr genossen. Außerdem haben sie jetzt eine genaue Vorstellung wie es bei uns aussieht und können mich einigermassen verstehen, wenn wir telefonieren.

Man bekommt auch einen ganz guten Einblick, wenn man sich unser Video auf Youtube anschaut: http://www.youtube.com/watch?v=qy9mY6xXGlA

Allen noch eine tolle Zeit in Deutschland und meinen mit MaZlern noch eine schöne Zeit in ihren Einsatzstellen.

Wir sehen uns im August wieder,
euer Tobias

2012 -Rundbrief Nr. 3
Arbeit im Don Bosco Roga:

Das Jahr 2012 begann super. Nachdem ich mit einigen Freunden auf den Dächern im Zentrum von Asuncion Silvester gefeiert hatte, ging es für Anton und mich in die entscheidende Vorbereitung des „Campamento“.

„Campamento“

Denn schon wie im Vorjahr fuhren wir mit allen Kindern für eine Woche ins Ferienlager. Und da diese eine Woche im Januar die einzige Woche im Jahr ist, in der alle Erzieher Urlaub haben, lag es an Anton und mir, das Ferienlager für die zwanzig Jungen vorzubereiten. Da wir beide schon einige Erfahrung mit Ferienlagern hatten, stellten wir in gewohnter Routine einen Plan von Aktivitäten mit Spielen wie „Rettet den Planeten“ ,das „Stadtspiel“ und der berühmten „Chinesenrally“ auf.

Nach zwei Wochen intensiver Planung fuhren wir Mitte Januar mit sechs Salesianer, zwei deutschen Freiwilligen, einer Köchin und 20 Kindern nach Piribebuy, einer kleine Stadt im Landesinneren. Dort besitzen die Salesianer ein Gelände, dass von den salesianischen Schulen und dem Bon Bosco Roga für Ausflüge jedweder Art genutzt werden kann.

Bei 45° C freut man sich über jede AbkühlungDas Grundstück ist traumhaft und eignet sich grade im Sommer gut für Ferienlager, da ein kleiner Fluss sich durchs gesamte Gelände schlängelt. Denn bei Temperaturen von 45° C, die wir in den Sommermonaten Dezember und Januar fast täglich hatten, war es notwendig, mindestens zweimal pro Tag mit den „Chicos“ schwimmen zu gehen. Dabei haben wir gemerkt, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, dass man schwimmen kann. Sowohl einige der älteren Jungen als auch unsere beiden Salesianer aus Vietnam konnten nicht schwimmen und einmal mussten wir einen retten, da er eine tiefe Stelle übersehen hatte und plötzlich nicht mehr auftauchte.

Fußball ist tägliches Pflichtprogramm

Neben dem Schwimmen war natürlich auch das Fußball spielen tägliches Pflichtprogramm und auch unsere Ausflüge.

Wir konnten viele tolle Ausflüge machenJeden Nachmittag besuchten wir mit unserem Bulli einige Sehenswürdigkeiten. Dazu mussten wir allerdings erst einmal alle - wir waren 28 Personen - in den Bulli, der für 12 Personen vorgesehen ist. So war die Fahrt nie langweilig. Die Grossen nahmen die Kleinen auf den Schoß, einige standen oder saßen auf dem Boden. Und so besuchten wir den berühmten See von Ypacarai, alte Kriegsschauplätze, Museen, gingen Angeln, streichelten Krokodile - was im nachhinein ziemlich gefährlich war - und spielten, wo wir auch waren, immer Fußball.

Schöne Abendstunden

Besonders die Abende waren sehr schön. Wir haben viel gesungen, saßen am Lagerfeuer oder haben uns Witze erzählt. Die Witze wurden natürlich auf Guarani, der zweiten offiziellen Sprache Paraguays, erzählt, so dass jeder Witz freundlicherweise zweimal erzählt wurde, damit Anton, die beiden vietnamesischen Salesianer und ich auch mitlachen konnten. Denn trotz Sprachkurs werden wir „Ausländer“ diese indigene, komplizierte Sprache nie wirklich beherrschen scheint mir, da die Notwendigkeit fehlt und man alles auch auf Spanisch sagen kann.

Eines Abends kam es zu einem der vielen Stromausfälle, da das paraguayische Stromnetz im Sommer, dank der unzähligen Klimaanlagen, total überlastet ist. In der plötzlichen Dunkelheit inmitten der Natur bekamen die Jungs plötzlich unglaubliche Angst, hielten sich an den Händen und einer der Ältesten, ein 16-jähriger Junge fing sogar an zu weinen. Denn wie ein großer Teil der paraguayischen Bevölkerung glauben und fürchten sich unsere „Chicos“ vor den so genannten „Mitos“, den Waldgeistern Paraguays, die Menschen heimsuchen, Mädchen schwängern oder unvorsichtige Kinder verschwinden lassen. Doch zum Glück war der Strom nach einer halben Stunde wieder da und nachdem wir mit den Kindern einen Rosenkranz gebetet hatten, beruhigten sie sich wieder.

Das „Campamento“ war super schön und eine wichtige Erfahrung sowohl für mich und Anton als auch für die Kinder und alle Salesianer, da wir in dieser Woche als „Familie“ sehr stark zusammen gewachsen sind, gemeinsam viel Spaß hatten und uns noch einmal besser kennen gelernt haben.

Die Schulzeit beginnt wieder

Nach dem Ferienlager blieben uns noch zwei Wochen, um die Schulferien mit den Kindern zu genießen, in der „Carpinteria“, der "Holzwerkstatt“, zu arbeiten und täglich Fahrradtouren und Ausflüge zu machen. Denn als die Schule wieder anfing, begann auch der gewohnte Rhythmus der Jungs.

In der Regel besuchen sie von montags bis freitags morgens öffentliche Schulen außerhalb des Heimes – das paraguaysche Schulsystem ist unglaublich schwach. Die Schüler besuchen entweder morgens, nachmittags oder abends die Schule. In der Regel sind es aber für alle Altersklassen nur 4 Stunden Unterricht pro Tag und 30% beenden die 9 Basis – Schuljahre. Nur jeder Zehnte beendet die Schule mit einem dem Abitur gleich zu setzendem Abschluss und ist damit berechtigt, eine Universität zu besuchen. Besonders unsere Jungs, von denen einige - wenn sie mit 12 Jahren in unser Heim kommen - weder lesen noch schreiben können, haben es schwer das Versäumte nachzuholen.

Deshalb studieren wir täglich mit allen Kindern von 15 bis um 16:30 Uhr zusätzlich. Da es häufig vorkommt, dass die Lehrer keine Hausaufgaben aufgeben, bekommen die Jungs von uns Mathe- und Spanischaufgaben, beziehungsweise Schreib- und Leseübungen.

Orchester des Don Bosco RogaUm 12 Uhr essen wir Mittag und bis zur „Hora de Estudio“ haben die Jungs Zeit ihre Dienste zu erfüllen, wie z.B. Zimmer aufräumen, Essenssaal fegen, und vor allem unser großes Gelände in Schuss halten. Außerdem haben Kinder die Möglichkeit, ein Instrument ihrer Wahl zu spielen. Wenn sie gut genug spielen können sie am Orchester des Don Bosco Roga teilnehmen, dass zum größten Teil aus den Kinder des Viertels besteht und Teil des Jugendzentrums Don Bosco Roga ist.

Nach der „Merienda“ - dem Kaffee trinken, zu dem es jeden Tag Brötchen und Mate mit Milch gibt - haben wir bis um 19 Uhr Zeit Volleyball, Basketball, aber hauptsächlich Fußball zu spielen.

Mein Versuch den „Chicos“ Handball beizubringen ist leider schon im Ansatz gescheitert. Denn Handball ist in Paraguay ausschließlich Frauensport und von daher haben es die Jungs abgelehnt etwas auszuprobieren, das doch nur Frauen machen.

Beim "Buenas Noches“ - „Gute Nacht“ übersetzt - singen wir mit den Kindern einige LiederAb 19 Uhr können sich die Jungs duschen und um 20 Uhr ist „Buenas Noches“. Im „Buenas Noches“ -  „Gute Nacht“ übersetzt - singen wir mit den Kindern einige Lieder, alle beruhigen sich und haben Zeit ein wenig über den Tag nachzudenken. Einer unserer beiden Patres erzählt etwas oder liest einen Text vor, der die Chicos zum Nachdenken anregen soll. Danach werden noch wichtige Information für den nächsten Tag gegeben und danach essen wir zu Abend.

Nach dem Abendessen können die Jungs bis um 22 Uhr fernsehen. Einige unterhalten sich lieber in ihren Zimmern oder gehen nach einem anstrengenden Tag früher schlafen. Nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht habe, endet mein Arbeitstag.

Besuch einer FamilieIn letzter Zeit helfe ich den beiden Tutoren, in dem ich zum Beispiel Kinder bei ihren Familienbesuchen begleite. Das ist immer besonders spannend. Da erfährt man, aus welchen Verhältnissen die Jungs kommen. Einmal besuchten wir die Mutter eines Jungen, die mit ihrer Tochter in einer vier Quadratmeter großen Blech-Hütte wohnte und leider nur Guarani sprach. Da meine Guarani-Kenntnisse für ein gesamtes Gespräch nicht ausreichen, musste ihr Sohn für uns übersetzen.

Vor einer Woche besuchte ich zusammen mit Marcos seinen Vater. Dieser sitzt wegen Mordes in „Tacumbu“, Paraguays größtem Gefängnis. Sein Vater hat sich riesig über unseren Besuch gefreut. Allerdings war es für mich und Marcos erschreckend zu sehen, wie sein Vater – er hat uns seine Gemeinschaftszelle gezeigt – und die anderen Gefangenen leben. Da gibt es wenig Vergleich mit deutschen Gefängnissen. Besonders der ärmere Teil des Gefängnisses, den wir nicht besuchen durften, ist total menschenunwürdig. Die Gefangenen dort bekommen ein bis zweimal am Tag etwas zu essen, schlafen mit 60 Personen in einem Zimmer und täglich sterben Menschen.

Erlebnisse außerhalb des Roga Bosco Roga

Zur Halbzeit unseres MaZ Jahres trafen wir uns in der ersten Woche im Februar mit allen MaZlern der Hiltruper Missionare und einigen weiteren Freiwilligen der Region in Lima, der Hauptstadt Perus, zum Zwischenseminar.

Wir alle genossen die Zeit im Oscar-Romero-Haus am Rand Limas, haben viel gelacht und es war angenehm, ein bisschen Abstand zu meinem Projekt zu bekommen. Wir konnten in Ruhe die erste Hälfte unseres Einsatzes reflektieren und über unsere Ziele und Wünsche für das restliche Einsatzjahr nachdenken. Dabei war es neben dem Programm fast genauso wichtig, sich mit seinen Mit-MaZlern auszutauschen, da viele ähnlich Probleme und Schwierigkeiten hatten. So konnten wir uns gegenseitig beraten und Tipps geben.

Wandern mit meinem Freund Johannes in den BergenNach dem Seminar habe ich die Gelegenheit genutzt und Johannes besucht, einen Freund, der in Trujillo, einer Küstenstadt im Norden Perus, in einem Projekt der Hiltruper Missionare mitarbeitet. Zusammen sind wir sowohl in den nahe gelegenen Bergen wandern gegangen, als auch im Pazifik schwimmen gewesen. So habe ich meine zweite Woche in Peru genutzt, um surfen zu lernen und bei Traumwetter Urlaub zu machen.

Besuch meiner Eltern

Mitte April stand ich gemeinsam mit Padre Raul am Flughafen von Asuncion. Er machte sich darüber lustig, warum ich denn so aufgeregt sei. Meine Eltern hatten ihr Weihnachtsgeschenk eingelöst und kamen mich für zwei Wochen besuchen.

Nachdem ich Mama und Papa nach 8 Monaten Abstinenz stürmisch begrüßt hatte, fuhren wir gemeinsam zum Don Bosco Roga. Dort freuten sich die Jungs ebenso über den Besuch und ich übersetzte alle Fragen, die unsere neugierigen Jungs an meine Eltern stellten.

  Sogar der Leiter des Don Bosco Roda, Pater Raul, spielte beim Fußball mitDie erste Woche nutzten meine Eltern, um die Kinder so gut es trotz Sprachproblemen ging kennen zu lernen und ich erklärte und zeigte ihnen meine Arbeit und mein Leben im Don Bosco Roga. Mein Vater nahm den Rat der langsamen Akklimatisierung nicht ganz ernst und so spielten wir am zweiten Tag mit den Jungs die erste Partie Fußball.

Alle Kinder haben sich riesig über die Gastgeschenke gefreut, die meine Eltern aus Olfen mitgebracht hatten. Vor allem die Fußbälle aber auch die vielen anderen Spiele wurden sofort genutzt.

„Ygausu“ - die größten Wasserfälle der Welt - liegen im Grenzbereich von Brasilien & ArgentinienNachdem meine Eltern eine Woche im Don Bosco Roga mit gelebt hatten, erkundschafteten und bereisten wir in der zweiten Woche Paraguay. So besuchten wir die großen Sehenswürdigkeiten Paraguays, wie den „Itaipu-Staudamm“, die Wasserfälle von „Ygausu“ und die Jesuiten Ruinen.

 

Mit Schwester Virginia, von den Hiltropern Missionsschwestern  besuchten wir die Ruinen Außerdem nahmen wir die Einladung der Hiltruper Schwestern im Süden Paraguays an.

Genau die Nacht, die wir bei den Schwestern übernachteten, war die erste kalte Nacht des Herbstes. Und da die Ordensschwestern in Demut und Armut mit den Armen leben, wohnen sie in einem Haus ohne Scheiben in den Fenstern und nichts als einfache Ziegeln auf dem Dach, so dass wir, obwohl es zwei Tage vorher noch tropisch warm war, diese Nacht stark froren.

Abschlussfoto  mit meinen ElternAls wir nach Asuncion zurückkehrten hatten meine Eltern noch Zeit sich zu verabschieden und dann waren wir schon wieder auf dem Weg zum Flughafen.

Obwohl wir in diesen zwei Wochen viel erlebt hatten und ich die Zeit sehr genossen habe, vergingen sie doch viel zu schnell.