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Diakon Stephan Börger - Foto: MN16.11.2014 - Volkstrauertag

Ansprache am Ehrenmal in Vinnum und am Ehrenmal in Olfen

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Mitchristen,

anlässlich des heutigen Volkstrauertages haben wir uns heute Morgen hier am Ehrenmal in Vinnum / in Olfen versammelt.

Und wie es der Name des heutigen Tages schon besagt, sind wir als trauerndes Volk hier zusammen gekommen.

Wir trauern um diejenigen Menschen aus unserer Mitte, die in den schrecklichen Kriegszeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges ihr Leben verloren haben; und um diejenigen, die bis heute vermisst werden, deren Schicksale bis heute nicht geklärt werden konnten.

Vor 100 Jahren brach nach dem Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 auf den Erzherzog Franz-Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg aus.
In den Jahren von 1914 bis 1918 herrschte dann in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren dieser erste große Weltkrieg. Im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen dieses Weltkrieges verloren 17 Millionen Menschen ihr Leben.

Vor 75 Jahren bereitete der sog. Hitler-Stalin-Pakt dann den Weg für den Zweiten Weltkrieg. Ein Krieg, der den Schrecken des Ersten Weltkrieges noch bei weitem übertraf, und dessen Ideologie der Menschenverachtung, die Gewalt, Brutalität und Grausamkeit in ein unvorstellbares und unfassbares Ausmaß steigerte. Etwa 55 Millionen Menschen haben in diesem schrecklichen Krieg ihr Leben verloren.

72 Millionen Menschenleben gilt es am heutigen Volkstrauertag zu gedenken. 72 Millionen Einzelschicksale und 72 Millionen Tragödien bei den Familien, den Angehörigen der Opfer. Eine Zahl, die für mich einfach unvorstellbar groß ist. Eine Zahl, die mich zutiefst betroffen und sprachlos macht.

Hier am Ehrenmal in unserer Heimat in Vinnum / in Olfen gedenken wir all derer, die wir zu beklagen haben – Angehörige aus den Familien unserer Gemeinschaft.

Einige von uns werden die gefallenen Soldaten und die Verstorbenen dieser zwei Kriege noch gekannt haben.

Andere kennen ihre Namen aus Erzählungen, kennen die verstorbenen Mitmenschen von Bildern oder aus Briefen.
Wieder andere kennen ihre Namen, weil die Verstorbenen und Vermissten ihre Hausnamen tragen.

Wir alle sind hier, weil wir betroffen sind von der Geschichte, jeder auf seine ihm eigene Art und Weise. Und wir sind hier, um unsere Trauer zum Ausdruck zu bringen und die Menschen, die ihr Leben in diesen Kriegen verloren haben, zu ehren.
Wir denken an sie und wir gedenken aller Opfer von Gewalt und Krieg. Wir denken heute Morgen an die Kinder, Frauen und Männer aus allen Völkern diese Erde, die durch kriegerische Handlungen, durch Kriegsgefangenschaft, als Vertriebene oder Flüchtlinge ihr Leben verloren haben.

Unser Gedenken gilt auch den Juden, den Sinti und Roma, den Menschen, die einer anderen Rasse zugeordnet wurden, die krank oder behindert waren, deren Leben als „lebensunwert" bezeichnet wurde – und die so viel unerträgliches Leid erlitten haben.

Unsere Gedanken sind auch bei den Menschen, die an ihrer Überzeugung und ihrem Glauben festhielten, die Widerstand leisteten, die anderen Menschen geholfen haben, ihnen Nahrung und Unterkunft gaben, auch, wenn sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Viele von ihnen sind für ihre Überzeugungen gestorben.

Heute Morgen sind unsere Gedanken auch bei all denjenigen, die die Schreckenszeiten überlebten und ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten hatten, die ihr Leben weiterleben mussten und auch bis heute noch unter diesen schrecklichen Erinnerungen und Erfahrungen zu leiden haben.

Bald aber wird es kaum noch Zeitzeugen und Angehörige geben. Für unsere heutigen Generationen ist es wichtig, nicht beim Gedenken stehen zu bleiben, sondern vom Gedenken an die Opfer und Hinterbliebenen zu einem Denken für den Frieden der kommenden Zeiten zu gelangen.

Durch die Ereignisses dieses Jahres in der Ostukraine, der Annektion der Krim durch Russland und des daraus resultierenden Säbelrasselns zwischen NATO und Russland werden wir an die Zeiten des kalten Krieges erinnert.

Kriegerische Auseinandersetzungen in Afrika, Syrien, im Irak, in Israel und Palästina und die Terrorbedrohung durch die Kämpfer des Islamischen Staates, wie sich diese Terroristen nennen, machen uns deutlich, dass unser Weltfrieden aktuell mehr als nur sehr bedroht ist.

Die Nachrichten sind geprägt von Kriegs- und Terrorberichten, von politischer Verfolgung und Gewaltherrschaft. Diese Berichte dürfen uns nicht gleichgültig lassen. Wir dürfen sie nicht einfach als einige Nachrichten unter vielen hinnehmen.

Auch heute verlieren Menschen aus unserer Mitte, sei es als Bundeswehrsoldat oder als Einsatzkraft von Hilfsorganisationen ihr Leben, weil sie anderen Menschen in ihrer Not helfen wollen.

Wir sind gefordert, unsere Stimme zu erheben, um Kriege, Terror, Rassenhass, Gewaltherrschaft und Ungerechtigkeiten für immer zu beenden und von dieser Welt zu verbannen.

Dieses Ehrenmal, vor dem wir heute Morgen stehen, ist gleichzeitig auch ein Mahnmal für unsere heutigen und für die kommenden Generationen. Niemals dürfen wir vergessen, welches Leid die beiden Weltkriege den Menschen gebracht haben und niemals darf sich dieses Leid wiederholen!
„Vom Gedenken – zum Denken – zum Handeln!" So kann die Botschaft des heutigen Volkstrauertages lauten. Wir sind gefordert, allen Menschen die Schrecken der Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, besonders denjenigen unter uns – und dazu gehöre auch ich selbst – , die diese Zeit selber nie erlebt haben.

Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auch auf unsere Jugend gerichtet sein. Die Botschaft dabei lautet: Ungerechtigkeiten, Gewalt, Brutalität, Menschenverachtung können niemals Wege sein, um Konflikte zu lösen, können niemals zum Frieden unter den Menschen führen.

Vor zwei Jahren, im Jahr 2012 hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten. Gewürdigt wurde der Friede und das friedvolle Zusammenwachsens Europas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wir alle, die wir heute Morgen hier versammelt sind, dürfen uns somit Friedensnobelpreisträger nennen. Dies bringt aber auch gleichzeitig zum Ausdruck, worum es am heutigen Volkstrauertag geht: für die Abwesenheit von Krieg auf europäischem und deutschem Boden dürfen wir dankbar sein – für die Bewahrung und für die Schaffung eines dauerhaften Friedens sind wir selbst verantwortlich.

GEDENKEN wir unserer Toten, DENKEN wir daran, wie wertvoll uns unser Friede ist, HANDELN wir stets so, dass unser Friede bewahrt bleibt.

Mit Gottes Hilfe möge uns dies gelingen.

Stephan Börger
Diakon an St. Vitus Olfen