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2014 - Predigt zum Fest Darstellung des Herrn

Sonntag, 2. Febr. 2014
Evangelium: Lukas 2,22-40

Liebe Schwestern und Brüder!

Am vergangenen Montag, dem 27. Januar wurde der Opfer des Holocaust durch den Nationalsozialismus gedacht. An vielen Orten in Deutschland fanden dazu Gedenkfeiern statt. Auch bei uns in Olfen waren die Fahnen vor dem Rathaus auf Halbmast gesetzt.

Einige Tage zuvor war ich in meiner Heimatstadt Rees eingeladen zu einem besonderen Ereignis: In einem Nachlass in Düsseldorf hatten sich verschiedene silberne Toraschilder, Torarollenbekrönungen und ein silberner Torazeiger gefunden. Deren hebräische Inschriften wiesen sie als Gegenstände aus, die der ehemaligen jüdischen Kultusgemeinde in Rees zuzuordnen waren.

Es war bekannt, dass die Synagoge in Rees in der so genannten Reichsprogomnacht oder Reichskristallnacht zwar demoliert worden war, aber nicht – wie andernorts üblich – angezündet wurde und abgebrannt ist. Dies geschah deshalb nicht, weil die Synagoge in die dichte Wohnbebauung der Stadt integriert war.

Der Jude Isaak sammelte Ausstattungsreste
In der Nacht nach der Zerstörung der Synagoge suchte ein 80 Jahre alter jüdischer Mann die Synagoge auf und sammelte einige Reste der Ausstattung ein, die er noch finden konnte. Mit seiner jüdischen Frau wurde er 1941 zunächst nach Düsseldorf deportiert und in dem dortigen Judenhaus, wie man die Sammelunterkünfte damals nannte, untergebracht. Eine Zeitlang später ging es mit einem großen Transport per Zug nach Theresienstadt. Dort starben er und seine Frau im Laufe des Jahres 1943 – auf welche Weise, konnte bisher nicht geklärt werden.

Herr Isaak hatte die Kultgegenstände der Reeser Synagoge in Düsseldorf einem anderen anvertraut, der den Holocaust überlebte. Wie durch ein Wunder blieben die wenigen Relikte auch in der Zerstörung Düsseldorfs verschont.

In Rees richtete man nun im Stadtmuseum einen Raum der jüdischen Tradition ein, der durch den Bürgermeister und einige Vertreter der jüdischen Gemeinde aus Düsseldorf sowie durch Lehrer Bernd Schäfer aus Rees der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Lehrer Bernd Schäfer
Lehrer Schäfer hat in vielen Jahren durch persönliche Kontakte zu Überlebenden sowie zu Zeitzeugen die jüdische Lokalgeschichte in Rees aufgearbeitet. Ohne diese persönlichen Kontakte und den großen Einsatz vor allem dieses Lehrers wär eine solche Gedenkstunde sicherlich nicht möglich gewesen.

Die Vertreter des Judentums waren sehr dankbar, herzlich, ja in heiterer Stimmung – auch wegen der liebevoll durch ein Jugendorchester einstudierten jüdischen Musik. „ Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen.“ – so sagt es der Philosoph Martin Heidegger. Die wissende Heiterkeit hier umfaßt die abgrundtiefe Trauer über das Geschehen des Holocaust, wie die goldene Fassung einen kostbaren Edelstein.

Papst Franziskus sagt: „Unsere unendliche Traurigkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.“

Unendliche Traurigkeit - unendliche Liebe
Ich habe diese Menschen sehr bewundert. Mit welcher Freundlichkeit und Zugewandtheit begegneten sie auch mir und den anderen Vertretern der christlichen Kirchen. Wie viel innere Auseinandersetzung, wie viel durchgetragenes Leid, wie viel Wille zur Vergebung und wie viel inständiges Gebet um eine gute Zukunft muss dem vorausgegangen sein, um in solcher Weise nach diesem entsetzlichen Mord an den Juden neu auf Menschen zugehen zu können, ohne Vorurteil, ohne Hass, ohne Vorwurf – nur mit dem festen Vorsatz zur Versöhnung und Vergebung und der steten Erinnerung und des liebevollen Gedenkens an die unzähligen unschuldigen Opfer dieses Rassenwahns. „Unsere unendliche Traurigkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.“

Mir wurde einmal mehr deutlich, wie sehr das Gespräch, die Begegnung gerade in der Folge eines solch unaussprechlichen Geschehens wie der Holocaust es darstellt, eine absolute Notwendigkeit ist, um Versöhnung und Neuanfang zu ermöglichen.

Die damals Verantwortlichen sind fast alle tot oder hochgetagt. Diejenigen, die das Drama der Bedrängnis und der Vernichtung jüdischen Lebens als Kinder mitbekommen haben, leben zu einem guten Teil noch. Und die, deren Familien ganz oder teilweise ausgelöscht wurden und die dies niemals vergessen können, leben weiter unter uns – manchmal gar nicht weit entfernt.

So schwer das auch fallen mag, diese Ereignisse in die eigene Erinnerung zurück zu rufen, so sehr kann dies auch den gegenwärtig und zukünftig Lebenden helfen, in eine menschlichere Zukunft zu gelangen und wachsam jeder Form von Intoleranz, Hass, Ausgrenzung und Gewalt zu begegnen.

Simeon und Hannah in Jerusalem
Liebe Schwestern und Brüder, Simeon und Hannah, die beiden hochbetagten, frommen Juden von denen wir im Evangelium hörten, leben im Tempel in Jerusalem. Sie sind erfüllt von der Verheißung, den Messias sehen zu dürfen. Ihre Hoffnung wird reich belohnt: Nun läßt du Herr deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden … so betet Simeon. Er kann versöhnt sterben. Sein Leben hat sich erfüllt.

Ehepaar Isaak aus Rees
Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen nicht, was in dem hochbetagten jüdischen Ehepaar Isaak aus Rees vor sich ging, die die Reste der Kultgegenstände ihrer jüdischen Gemeinde nach Düsseldorf mitnahmen und sie dort vor der Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt übergaben. Sie werden gewusst haben, dass ein gewaltsamer Tod auf sie wartet. Aber sie hatten die Kraft zu einer Zeichenhandlung: Diese verbogenen, im Feuer geschwärzten Silberteile mitzunehmen in der Hoffnung auf Bewahrung. In der Hoffnung: ´Man wird diese Gegenstände einmal wieder mit Ehrfurcht und Erstaunen anschauen. Angerührt vom menschlichen Schicksal und der Tragödie des Judentums in Deutschland und in unserer Heimatstadt Rees.

Wir selbst werden nicht überleben – aber das, was unsere ureigenste Überzeugung ist und im Gottesdienst der jüdischen Gemeinde seinen Ausdruck fand, nämlich, dass Gott lebt, dass er für Gerechtigkeit sorgt und dass seine Liebe niemals endet, das wird sichtbar bleiben in diesen wenigen Relikten aus Silber, sehr bescheidene Zeichen einer überaus großen Geschichte Gottes mit den Menschen. Zugleich Zeichen unverbrüchlicher Hoffnung – lange über das Ende des irdischen Lebens der beiden alten jüdischen Gemeindemitglieder aus Rees im KZ Theresienstadt 1943 hinaus.

Bernd de Baey, Pfr.