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Pfarrer Bernd de Baey bei der AbschiedsredeAbschied aus Olfen

19.10.2014 - Liebe Schwestern und Brüder,
heute geht meine Zeit als Pastor in Olfen und Vinnum nach 14 Jahren zu Ende. Bewusst möchte ich hier keinen Rückblick halten. Um das Gewesene zu verstehen und tiefer zu begreifen, dazu braucht es wohl bei mir zumindest noch mehr Abstand. Manches erscheint mir im Moment auch eher wie abgebrochen, unvollendet, oder wie eine große Baustelle. Die St. Vitus-Kirche gibt dafür ein beredtes Zeugnis mit ihren Gerüsten und den sichtbaren Spuren der Renovierungsarbeiten. Mir ist aber zugleich klar: Wollte ich erst dann gehen, wenn alles abgearbeitet und vollendet wäre, da würde ich mich jetzt nicht verabschieden – und müsste dann irgendwann einmal die Erfahrung machen: Es bleibt immer etwas unvollkommen, immer steht noch etwas aus. Die inneren und äußerlich sichtbaren Baustellen des Lebens, die bleiben bis an unser Lebensende. Das ist eine Grundwahrheit unseres Lebens als Menschen. Wenn wir das so sehen können, dann kann uns das ganz gelassen machen.

Gutes fortführen
Niemand ist unersetzlich. Das Leben geht weiter, so sagen wir immer. Und andere werden gut fortzuführen wissen, was an Gutem begonnen wurde. Im Blick auf Christus, den Herrn seiner Kirche, können wir alle den uns bestimmten Weg vertrauensvoll und voller Hoffnung gehen.

Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört – und gebt Gott, was ihm gehört, so empfiehlt uns Jesus im Evangelium des heutigen Sonntages. Jesus will unseren Blick schärfen für die ganze Wirklichkeit unseres Lebens. Da ist einmal das konkrete ganz irdische Leben des Alltags. Hier braucht es Beheimatung in Familien, in Freundeskreis, es braucht ein funktionierendes Gemeinwesen, einen Staat, eine Regierung, die sich der Gerechtigkeit verpflichtet weiß und in der besonders die Schwachen geschützt und unterstützt werden. Und es braucht unseren Blick auf die Wirklichkeit Gottes, der unser Leben letztlich trägt und hält, dem wir alles verdanken, von dem wir ausgegangen sind und zu dem wir einmal am Ende unserer irdischen Lebenszeit zurückkehren werden. – Der Schuhfabrikant Deichmann, der vor 14 Tagen in hohem Alter gestorben ist, sagte es einmal so: Am Ende meiner Tage wird Gott mich nicht fragen, wie viel Schuhe ich in meinem Leben verkauft habe, sondern ob ich den Menschen gedient habe, besonders den Schwachen! Denn darin bin ich Christus nah! – Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört: Es geht also nicht um Optimierung und Perfektion, es geht um Liebe.

Gern Pastor in Olfen und Vinnum gewesen
Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich auch keinen wirklichen Rückblick auf die nun zu Ende gehenden Jahre meines Lebens hier in Olfen und Vinnum halten kann, so kann ich aber doch sagen, dass ich sehr sehr gern hier Pastor gewesen bin. Das hat auch sicherlich damit zu tun, dass sich viele von Ihnen wach und aufmerksam danach fragen, was ist meine konkrete Aufgabe als Christ in dieser Zeit und an diesem Ort? Und daraus haben sich ganz viele Perspektiven und ein großes Engagement entwickelt. Ein Beispiel, und das steht hier für viele, viele andere gute Initiativen, ist für mich das große Engagement für Afrika; für die Krankenstation in Tansania, für die Schule in der Pfarrei von Pfarrer Charly in Nigeria. Die Politik fragt sich, wie wir mit den zunehmenden Flüchtlingsströmen, die nach Europa wollen, umgehen sollen? – Afrika braucht unsere Hilfe. Wenn Menschen dort in die Lage versetzt werden, ihr Leben selbstverantwortet und in Würde zu leben, dann werden auch weniger Flüchtlinge kommen. Wer wirklich Perspektiven für Afrika entwickeln hilft, der bekämpft zugleich das Flüchtlingselend auf eine höchst wirksame und zutiefst menschliche Weise. Dann braucht es keine Grenze zu eine mehr, dann braucht es keine militärische Sicherung der EU-Außengrenzen mehr.

„Die Zukunft Europas hängt ab von seinem Verhältnis zu Afrika" – so sagte es einmal Altbundespräsident Köhler. Und unsere Kanzlerin Angela Merkel sagte es während des Katholikentages in Regensburg: Wir brauchen einen neuen Martinsgeist! Und sie meinte damit, dass wir eine neue Bereitschaft zur sozialen Teilhabe brauchen. Sie erinnerte an den heiligen Martin von Tours, der seinen Mantel mit dem Bettler teilte, und der durch diese seine Bereitschaft zum Teilen die Kultur Europas über viele Jahrhunderte geprägt hat.

Liebe Schwestern und Brüder, wo Menschen mehr und mehr bereit sind, global zu denken, Zusammenhänge zu erkennen und sich selbst in diesen Gesamtzusammenhang der Weltgemeinschaft zu stellen, da wird Christentum praktisch, ganz handfest, da ist Gottes Geist am Werk.

Unsere Kirche
Was könnten wir nicht lamentieren über den Zustand der Kirche heute. Vieles ist beklagenswert, ganz bestimmt. Lasst uns auf den Glutkern des Evangeliums schauen, darin liegt Freiheit, aller Grund zu Hoffnung, unendliche Kraft und Liebe. Ich hatte immer den Eindruck, in einer Gemeinde und von Menschen umgeben zu sein, die nicht jammern, sondern Witterung aufnehmen: Wo gibt es die Chance zur Veränderung, zur Besserung – und was kann ich, was können wir dazu beitragen?! Das hat mich sehr beeindruckt. Und das wird weitergehen, dessen bin ich mir ganz sicher.

Lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll! So sagt es Paulus, der große Völkerapostel. Und wir bleiben lebendig, wenn wir mit diesem seinem guten Wort der Frohen Botschaft in Berührung bleiben, nicht zuletzt hier im Gottesdienst, in der Kirche. Wir brauchen diese zweckfreien Orte, wir brauchen diesen Raum, der nach der Kirchenrenovierung sicherlich noch einladender, ansprechender werden wird. Wir brauchen heilige Orte, die uns spüren lassen, wie sehr wir von Gott berufen und geliebt sind, wie sehr wir von ihm geheiligt sind.

Heute würden wir Gotteshäuser bescheidener bauen
Sicher, die St. Vitus-Kirche entstammt einer anderen Zeit. Die Kirche verstand sich damals als Gemeinschaft der Perfekten und Heiligen. Dieses Verständnis von Kirche ist uns heute eher fremd. Wir wissen um die vielfältigen Schwächen und Fehler dieser Kirche. Und dennoch ist sie die Gemeinschaft der Getauften, der von Christus berufenen. Heute würden wir bescheidener bauen, nicht mehr eine solche Gottesburg, wie es St. Vitus darstellt. Doch brauchen wir auch das Bekenntnis zu unserer Geschichte, unserer Tradition mit ihren Licht- und Schattenseiten gleichermaßen. Das kann uns demütig und bescheiden machen, zugleich schenkt eine solche Haltung innere Klarheit und Festigkeit. Zugleich sind wir darin hörbereit für seine Botschaft an uns heute.

Liebe Schwestern und Brüder, unsere Gemeinde hat als Patrone die heilige Katharina von Alexandrien und den heiligen Vitus. Vitus, da steckt das Wort vita – Leben drin. Dessen bin ich mir ganz sicher, das Vertrauen habe ich: St. Vitus wird leben! St. Vitus lebe wohl!

Pfr. Bernd de Baey


Pastor Bernd de Baey schreibt anlässlich seiner Verabschiedung folgende Zeilen:

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Schwestern und Brüder im gemeinsamen Glauben!
Der Sonntag meiner Verabschiedung, der 19. Okt. 2014, war für mich ein eindrucksvoller Tag, den ich nicht vergessen werde. Sehr viele sind gekommen, um persönlich von mir Abschied zu nehmen und mir ihre guten und herzlichen Wünsche mit auf den Weg zu geben.

Auch haben mich viele Briefe, Karten, Mails und Telefonate erreicht. Viele Menschen, vor allem Alte und Kranke konnte ich in den vergangenen vier Wochen noch besuchen. Allerdings stehen auch noch manche auf meiner Liste, die ich jetzt nicht mehr persönlich sprechen und erreichen kann. So möchte ich Ihnen allen sowie Euch, den Jugendlichen und Kindern, von Herzen danken für alles, was mir in diesen Tagen und Wochen des Abschieds geschenkt und anvertraut wurde.

Zugleich bitte ich um Verständnis dafür, dass ich im Einzelnen nun nicht mehr antworten kann, da bald schon, wie Sie ja wissen, neue Menschen und Aufgaben auf mich warten, die meine Aufmerksamkeit und Kraft erfordern werden.

Viele haben versprochen, für die neue Gemeinde, um einen guten neuen Pfarrer für St. Vitus und nicht zuletzt auch für mich zu beten – und viele werden dies in Stille tun. Dies ist mir ein ganz wertvolles Versprechen.

Schauen wir gemeinsam auf Christus, den guten Hirt und Herrn seiner Kirche. Ihm können wir uns anvertrauen mit unserem ganzen Leben.

Gott behüte Sie!