St. Vitus Logo

Interview mit Maria Niermann - Foto: CHR...und plötzlich ging es ganz schnell
Gespräch mit Pastor Bernd de Baey
Pfarrnachrichten 'Gemeinsam unterwegs 2014'

Sicher hatte Pastor Bernd de Baey bei  seiner Einführung in St. Vitus vor 14 Jahren schon deutlich gemacht, dass seine Zeit in Olfen begrenzt sein werde, von sieben bis 14 Jahren hatte er damals gesprochen. Daran hatte wohl niemand mehr gedacht.

Und so kam seine Ankündigung Olfen zu verlassen für die meisten Gemeindemitglieder sehr plötzlich, und es blieb nicht viel Zeit für den Abschied.

Die Redaktion ‚Gemeinsam unterwegs‘ bekam aber die Gelegenheit noch einmal mit ihm zu sprechen, über seinen Werdegang, über Berufung, kirchliche Räume und einiges mehr…

Was heißt eigentlich ‚Berufung‘? Haben Sie irgendwann so etwas gespürt, so etwas wie Berufung?
So möchte ich das nicht nennen. Da war keine plötzliche Eingabe, kein Wink. Nein, die Entscheidung Theologie zu studieren und Priester zu werden, war eine ganz praktische Entscheidung. 

Ich war in Rees Messdiener, Lektor, habe den Küster vertreten. Das kirchliche Leben interessierte mich, ich hatte gute Kontakte – da war es einfach eine ganz praktische Folge, dass der Wunsch entstand, Priester zu werden.

Sicherlich hatte ich eine Gottesbeziehung und fühlte mich angesprochen.

Und wenn wir schon von Berufung sprechen: Spielt denn bei anderen beruflichen Entscheidungen die  Berufung nicht auch eine Rolle? Wenn jemand eine Sache liebt, eine junge Frau etwa die Arbeit mit Kindern, und sie entscheidet sich dann Erzieherin zu werden, ist das doch genauso die Folge einer Berufung?

Ich möchte diesen Begriff gar nicht so sehr am Priestertum festmachen. Ich glaube aber auch, dass jede Wahl im Leben mit Gott zu tun hat. Gott ist bei allen Lebensbezügen dabei.

Interview - Foto: CHRUnd Ihre Eltern? Fanden sie die Entscheidung gut? Hätten sie sich nicht vielleicht einen anderen Beruf für ihren Sohn gewünscht?
Nein – sie haben mich unterstützt. Sie meinten: Wenn du damit glücklich wirst, wenn das dein Weg ist, dann musst du diesen Weg gehen. Da war keinerlei Skepsis.
Sie haben dann Theologie studiert ...

…. ja, und das hat mich zunächst nicht so sehr gefesselt. Das hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Ich habe immer mehr festgestellt, dass die Kirchengeschichte auch immer eine Geschichte von Personen ist. Die Kirchengeschichte begleitet häufig die Verwandlung von Menschen. Menschen sind immer Teil der Geschichte. Auch ich und sie, wir alle sind Teil der Geschichte.  Durch die Bibel habe ich eine lebendige Beziehung zur  Geschichte erhalten.

Heute lese ich einmal täglich in der Bibel und lasse das Gelesene auf mich wirken. Für mich ist das Gelesene Gottes Wort an mich. Das prägt mich.

Kaplan in Münster-Kinderhaus

Interview mit Pfr. Bernd de Baey - Foto: CHRSie waren dann vier Jahre lang Kaplan in Münster-Kinderhaus. Wie war die Zeit für Sie? Wie geht ein junger Kaplan mit schwierigen sozialen Verhältnissen um, die es in Münster-Kinderhaus ja gibt?  Konnten Sie helfen?

Ja, im Anschluss an die Priesterweihe im Jahr 1992 lebte ich vier Jahre lang in Kinderhaus. Das war für mich eine fremde Welt. Ich musste soziale Probleme erleben, Lebensformen, die für mich eine große persönliche Herausforderung waren.

Für mich stellt sich dann die Frage: Warum lässt Gott das zu, warum lässt Gott z.B. Gewalt in Familien zu?

Gott ist nicht dazu da, die Missstände, die der Mensch geschaffen hat, zu beseitigen. Für mich war es während der Zeit in Kinderhaus wichtig, nicht die Augen vor den Problemen zu verschließen, nicht davor wegzulaufen. Ich habe mir gesagt, es kann kein Zufall sein, dass ich in dieser Gemeinde angekommen bin. Gott will etwas mit mir machen. 

Ich habe versucht das Leben aus der Sicht der Menschen zu sehen, die in einem schwierigen sozialen Umfeld leben, die anders handeln als ich es für richtig halte. Ich habe den Menschen zugehört, ich habe sie reden lassen, ich habe ihnen vermittelt, dass ich ihnen glaube, dass ich sie ernst nehme. 

Von Kinderhaus über Telgte nach Olfen

Im Anschluss an Münster-Kinderhaus kam Telgte und dann Olfen? Sie können nun auf 14 Jahre Olfen zurückblicken. Wir war es für Sie. Was zeichnet Olfen aus? Was fehlt Olfen?

In Olfen konnte ich so Pastor sein, wie ich mir das gewünscht habe. Eine Gemeinde mit rund 7.000 Katholiken, zwei Kirchen - das ist ein überschaubarer Bereich.

An Olfen schätze ich die vielen Gruppen, die selbständig arbeiten, die immer wieder eine große Eigeninitiative beweisen. Als nur ein Beispiel möchte ich den Kleinkindergottesdienst nennen. Das ist ein so wichtiges Angebot und es ist ein Selbstläufer. Es ist in Olfen nie schwierig, Menschen für etwas zu gewinnen.

So ist der noch junge Arbeitskreis Asyl sehr aktiv und war sehr rasch selbstorganisiert. In Olfen herrscht eine große Wachheit. Die Menschen überlegen: Was ist notwendig? Wo werden wir als Christen jetzt gebraucht? 

Der Gedanke „Dieses Übel hat nicht das letzte Wort“, setzt Energien frei.  Die Kirche und die Gläubigen können für das Gemeinwesen viel tun.

Wie sehen Sie die Zukunft von St. Vitus im Hinblick auf die Fusionen, wie lange bleibt Olfen noch selbstständig?

Ich glaube nicht, dass sich an der Selbständigkeit Olfens in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Bischof Genn hat immer wieder gesagt, während seiner Amtszeit werde sich da nichts ändern. Das ist doch ein Wort!

Räume sind wichtig

Ein Pfarrer ist ja nicht nur Seelsorger, ein Pfarrer ist auch Verwaltungschef ist auch Vorgesetzter. Ist das gut? Möchte ein Pfarrer auch die Gemeinde verwalten? Macht es Spaß an Ausschusssitzungen teilzunehmen?

Ich kann da natürlich nicht für alle Priester sprechen, aber für mich ist das eine ganz wichtige Aufgabe des Priesters.

Nehmen Sie doch als Beispiel unser Haus Katharina. Die Fenster des Hauses weisen zur Kirche. Wer sich im Haus Katharina trifft hat quasi das Programm vor Augen. Wir haben einen sehr weiten Platz vor dem Haus geschaffen, der aber dennoch geschützt ist durch die Kirche, durch das Pfarrhaus und das Haus Katharina. Hier läuft nichts ins Nichts! Das Haus sagt etwas aus.

Und das kommt nicht von ungefähr. So etwas muss genau geplant, durchdacht und dann verwirklicht werden. Das macht doch deutlich, dass auch Verwaltung einem Zweck dient.

Auch der Kirchenraum ist ein so wichtiger Raum. Es ist ein Raum, der zweckfrei ist. Wo gibt es das schon? Sie gehen in einen Raum, können durchatmen, sie können Luft holen, und niemand fragt: Was willst Du hier? Was machst Du hier?

Ich habe immer wieder Menschen beobachtet, die unsere Kirche besucht haben. Gerade Menschen, die sich der Kirche entfremdet haben, suchen diesen ‚zweckfreien‘ Raum. Die vielen Kerzen und die Einträge ins Fürbitten-Buch zeigen die Bedeutung dieses Ortes. Das müssen wir viel mehr herausstellen. Die Türen müssen offen stehen, wir brauchen offene Türen.

Herr Pastor, nun haben Sie so viel Positives über die Olfener Pfarrgemeinde gesagt – gibt es denn gar nichts, was nicht so schön war? Oder anders herum: Was möchten Sie den Olfenern mit auf den Weg geben?

Nein, etwas Negatives gibt es nicht zu sagen. Und es steht mir auch nicht zu, den Olfenern jetzt Empfehlungen zu geben.

Aber vielleicht ein Wunsch: Es wäre schön, wenn die Gemeinde die Geschichte der Pfarrgemeinde und der Kirche im Blick behält. Auch mit der Ortsgeschichte kann sich die Gemeinde befassen.

Die Kirchenrenovierung ist so wichtig. Wir alle sollten versuchen, die Kirche in einen lebendigen Raum zu verwandeln, um die Außenwelt nach innen, in die Kirche zu holen. Die Kirche muss ein lebendiger Ort werden.

Und nun der Abschied. Wie geht’s Ihnen damit?

Ich hatte ja schon ein wenig länger die Möglichkeit mich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Im April haben die ersten Gespräche stattgefunden, aber erst am 19. September fiel der endgültige Beschluss.

Mir wurde bei vielen Begegnungen der letzten Wochen und Tage immer wieder klar: Das ist das letzte Mal, dass du hier bist, dass Du mit diesem Menschen redest. Mir ist aber viel Verständnis entgegengebracht worden. Darüber bin ich froh und erleichtert.

Alles Gute für Sie – Herr Pastor.

Maria Niermann