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Stille für das Hören auf Gottes Wort
Einzelexerzitien im Gertrudisstift in Rheine
27.03.11 - Kirche +Leben

Pfarrer Bernd de BaeyEs geht um den eigenen Weg jedes einzelnen Teilnehmers. Es geht um die Sehnsucht, mehr im Leben zu entdecken. Einzelexerzitien können anstrengend sein. Stille und Schweigen haben es in sich. Geistliche Begleiter geben Unterstützung.

Wer sich für Exerzitien, wie geistliche Übungen genannt werden, interessiert, braucht die Bereitschaft, sich auf Stille und Schweigen einzulassen. Ausgelassene Gesprächsrunden darf also nicht erwarten, wer ein Exerzitienhaus betritt. Wer sich dann für Einzelexerzitien interessiert, genauer gesagt für die ignatianischen Einzelexerzitien, braucht schon eine gewisse Ausgeglichenheit des Gefühlshaushalts. Umgangssprachlich würde man sagen: »Das ist nichts für schwache Nerven.«

»Man braucht schon Geduld und Disziplin. Die hohen Anforderungen können anstrengend sein. Stille muss man aushalten können. Und man muss sich der Auseinandersetzung mit sich selbst stellen«, sagt Pfarrer Bernd de Baey.

Der 46-jährige Seelsorger aus Olfen hat sich vor einigen Jahren von Jesuitenpater Peter Kösters zum geistlichen Begleiter von Exerzitien und besonders von ignatianischen Einzelexerzitien ausbilden lassen. Seit einigen Jahren bietet er im Exerzitienhaus Gertrudenstift in Rheine diese Form der geistlichen Übungen an. Sie fußen auf einem Exerzitienbuch von Ignatius von Loyola, dem Begründer des Jesuitenordens. Sie sind auf den Evangelien aufgebaut und führen durch vier Wochen anhand von Betrachtungen des Lebens Jesu zu einer vertiefenden Entscheidung für die Nachfolge Christi und den immer größeren Gott.

Die klassische Form sind die 30-tägigen Exerzitien, aber für den Alltag eignet sich besser die praktischere Kurzform von acht bis zehn Tagen, wie sie auch Pfarrer de Baey wählt. In der vergangenen Woche zählten seine zehntägigen Einzelexerzitien sieben Teilnehmer. »Das ist die richtige Größe, denn mit jedem führe ich Einzelgespräche«, sagt er.

Zeit der Einsamkeit

Exerzitien sind aber zunächst eine Zeit der Einsamkeit und des Gebets. Es wird von denen, die sich darauf einlassen, erwartet, dass sie während des Tages mehrere Stunden meditieren. Für diese Meditation werden individuell Anregungen und Hilfen gegeben.

Die Übungen verlangen eine gewisse Anstrengung und als Voraussetzung eine innere Sehnsucht, mehr im Leben zu entdecken, mehr von sich selbst, mehr von Gott, mehr vom Leben. »Es ist also nichts für denjenigen, der dem stressigen Berufsalltag entfliehen will. Dem rate ich zu einem erholsamen Urlaub. Wer sich in einer psychischen Krise befindet, sollte eher therapeutische oder beratende Hilfe suchen«, sagt de Baey zu den Voraussetzungen der Teilnahme. Wer Einzelexerzitien betreiben möchte, sollte eine regelmäßige Gebetspraxis pflegen. »Eine Bedingung ist dies aber nicht.« Teilnehmen könne nur, wer zu einem durchgehenden Schweigen fähig und bereit sei.

Volles Tagesprogramm

Der Tagesablauf sieht mehrere Elemente vor: persönliche Gebets- und Meditationszeiten, tägliches Einzelgespräch mit dem Exerzitienbegleiter, aus dem sich der Impuls für die Gebetszeiten ergibt, Übungen zur Körperwahrnehmung, durchgehendes Schweigen, um aufmerksamer mit allen Sinnen da sein zu können, und die Möglichkeit zur Teilnahme an der Eucharistiefeier.

Beim täglichen Gespräch mit dem geistlichen Begleiter geht es darum, über die Gebetsübungen zu sprechen. »Das Wirken Gottes soll erfasst werden: Die Begleitung unterstützt beim Wahrnehmen, Klären und Unterscheiden der Stimme Gottes im eigen Leben. Alles, was das Leben ausmacht, kann zur Sprache kommen und wird auf seine Bedeutung vor Gott und auf Gott hin befragt«, erklärt de Baey. Das Gespräch dauert etwa eine Stunde, morgens vor dem Frühstück und abends nach dem Essen wird je eine halbe Stunde Schweigemeditation angeboten. Schweigen und Stille sind die Grundlage für die Selbstfindung und Voraussetzung für ein aufmerksames Hören auf das Wort Gottes.

Meditationen der Bibeltexte wollen helfen, dass der Betrachter mit dem, der der eigentlich Handelnde im Text ist, mit Gott, mit Jesus Christus, ins Gespräch kommt. Nach jeder Schriftmeditation empfiehlt es sich, darüber zu reflektieren, was sich im Verlauf der Meditation ereignet oder nicht ereignet hat.

Tief greifende Fragen

Die sich stellenden Fragen können sein: Was bewegt mich derzeit? Wie sehe ich mich selbst? Wie empfinde ich meine Gottesbeziehung? Was erhoffe ich mir? Wofür möchte ich beten? Was hemmt mich? Was traue ich mir zu? Was macht mir Angst? Was erwarte ich von meinem Leben?

»Sich vom Wort Gottes ansprechen und verwandeln zu lassen, hilft zu tragfähigen Entscheidungen aus dem Glauben«, sagt de Baey, der davon überzeugt ist, dass Einzelexerzitien Langzeitwirkung haben: »Die Ergebnisse der Übungen werden erst im Alltag sichtbar.«

Johannes Bernard