St. Vitus Logo

2011 - Weihnachtspredigt

Liebe Gemeinde!
Es gibt wohl kein Fest im Ablauf des Jahres, das mit so vielen Vorstellungen und Erwartungen verbunden ist, wie gerade das Weihnachtsfest.

In vielen Familien gibt es eine feste Tradition. Wer den Baum aufstellt und schmückt, wann die Bescherung stattfindet, welche Musik erklingt, welches gemeinsame Festtagsessen serviert wird usw. Für viele gehört weiterhin der Besuch der Christmette in der Kirche dazu. Und so wird es hier an Weihnachten auch immer richtig schön voll. Alle sind hier in der Kirche herzlich willkommen. Gott selbst lädt uns ein. Wir alle folgen Gottes Einladung. Diese Einladung ist etwas sehr persönliches. Sie gilt Jeder und Jedem von uns.

Wir feiern die Menschwerdung Gottes in Jesus in diesem Kind in der Krippe. Gott wird Mensch. Er wird Mensch, damit wir seine Einladung besser verstehen und annehmen können. Das ist seine Absicht: Er möchte, dass wir uns in freier Wahl für ihn entscheiden. Er will uns gewinnen, uns an sich ziehen aus Liebe. Dafür lässt er sich vieles gefallen: In Bethlehem ist kein Platz wegen der Volkszählung. Keiner will Platz machen für die werdende Mutter Maria und den Vater Joseph. Er, der große Gott, der Schöpfer der Welt, kommt in sein Eigentum. Aber die Seinen nehmen ihn nicht auf.

Später folgen viele begeistert seinen Worten und Taten. Doch scheitert seine irdische Mission, Frieden, Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe auszubreiten, schändlich und schmählich am Kreuz. Auch das nimmt der große Gott in Jesus Christus in Kauf – um uns zu gewinnen. Nicht mit Gewalt, nein durch innere Überzeugung will er wirken. Dafür setzt er sein Leben aufs Spiel – vom Anfang seines irdischen Lebens an. Gerade nur knapp können die Eltern mit dem Neugeborenen den Soldaten des Herodes entkommen, die ihn umbringen wollen. Herodes wittert Konkurrenz, als er hört, ein neuer König der Juden sei geboren. Dass dieser König außer jeden irdischen Konkurrenz ist, dass dieser König um seine Macht nicht mit Waffen und Gewalt kämpfen wird, diese Möglichkeit kommt im Denken des Machtbewussten, ganz und gar irdisch eingestellten Königs Herodes nicht vor.

Diese Machtspiele sind uralt. Und die laufen heute wie vor 2.000 Jahren und früher. Sicher, hierzulande wird im Allgemeinen keiner mehr umgebracht, der gefährlicher Konkurrent ist. Aber es gibt andere Mittel, jemanden kalt zu stellen, bloß zu stellen, unmöglich zu machen. Wir nennen das heute Mobbing. Das Phänomen aber ist uralt. Und wir sind tief selbst darin verwickelt, als Täter, Opfer, Zuschauer. Jesu Einladung, aus diesen Unheilzusammenhängen auszusteigen, ist auch heute hoch aktuell. Echte Friedensstifter lassen sie ihre Einstellung etwas kosten – und sie zahlen tatsächlich nicht selten einen hohen Preis. Jesus sagt: Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der gewinnt neues, unzerstörbares Leben.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Jugendliche, liebe Kinder. Ich möchte heute alle einladen einmal der Frage nachzugehen: Warum bin ich heute eigentlich hier? Wohin ich selbst gehe, das i stmir wichtig. Ich gehe hin, weil ich unvertretbar bin. Niemand anders kann für mich gehen. Ich bin ganz persönlich gefragt. Zur Party meines besten Freundes schicke ich auch keinen Vertreter. Was zieht mich heute hierhin? Was suche ich? Kann ich sagen, dass mich das Geheimnis der Weihnacht berührt, anspricht und anzieht? Kann ich sagen, dass ich mir wünsche, an diesen Jesus glauben zu können? Und wenn ich spüre, dass es mich hierher gezogen hat, ohne dass ich dafür schon Worte hätte, was das wohl ist. Kann ich dann auch den Schritt zu der Annahme tun: Du Jesus, hast mich hergezogen, ich bin freiwillig gekommen! Auch wenn mir so manches hier fremd ist. Aber irgendwie bin ich auch gern hier. Weil hier etwas ist, was es sonst so nirgendwo gibt. Dann wäre ich angekommen an der Krippe bei IHM, dem göttlichen Kind. Und dann wäre wirklich Weihnachten …

Die Jugendlichen, die im kommenden Monat gefirmt werden, haben in diesem Jahr die Krippe in Olfen mitgestaltet. Es sind Kalksandsteine, die das Krippenhaus bilden. Sie werden bald beim Bau des neuen Pfarrheimes Verwendung finden. Sie sind bunt und mit Namen versehen. Es sind somit lebendige Steine, die dem Gotteskind eine Wohnung geben. So ist das: Wir tragen den lebendigen Gott in uns. Ob das spürbar wird, ob wir unser Leben durch sein Leben prägen lassen, das liegt an uns. Ob Gott eine Wohnung findet, einen Ort, an dem er bleiben kann, das liegt an uns. Gott kommt zur Welt und bittet um Aufnahme. Halte ich ihm einen Platz frei in meinem Leben?

Pfr. Bernd de Baey