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Zum Thema Missbrauch
Ruhr Nachrichten - 13.03.10

"Nichts vertuschen"
Dechant Bernd de Baey über den Umgang mit dem Thema Missbrauch

Olfen – Das Ausmaß des Missbrauchs-Skandals in der katholischen Kirche und Schulen anderer Träger ist noch nicht überschaubar. Annika Ruhfaut sprach mit Dechant Bernd de Baey über den Umgang mit dem Thema in der St. Vitus-Gemeinde in Olfen.

Herr Pfarrer, sprechen Sie in Ihrer Gemeinde über das Thema Missbrauch?

Mit verschiedenen Gruppen und einzelnen Gemeindemitgliedern gab es in den letzten Tagen zum Teil längere und sehr offen geführte Gespräche. Auch unter den Pfarrern und Seelsorgerinnen und Seelsorgern des Dekanates tauschen wir uns intensiv aus. Der Gesprächsbedarf ist groß. Das offene Ansprechen des so belasteten Themas finde ich sehr hilfreich.

Wie sehen denn die Reaktionen der Gemeindemitglieder aus?

De Baey: Viele sind sehr betroffen und erschrocken, vor allem darüber, dass so viele Menschen die Geschehnisse über Jahrzehnte für sich behalten haben. Und sie sind schockiert darüber, dass die Kette derjenigen, die sich melden, gar nicht abreißt. In den Gottesdiensten gedenken wir besonders in den Fürbitten der Opfer und beten für sie.

Haben Sie das Thema auch in Ihren Predigten angesprochen?

Es war schon lange geplant, das Thema „Priesterlicher Dienst“ in den Fastenpredigten der Sonntage der Fastenzeit aufzugreifen. Papst Benedikt XVI. hatte im vergangenen Jahr das Priesterjahr ausgerufen, darauf sollten sich die Fastenpredigten beziehen. Jetzt bin ich natürlich besonders auf die aktuelle Situation eingegangen, da das Priesteramt durch die Missbrauchsfälle her besonders belastet wird und die Priester nach Aussagen vieler unter Generalverdacht stehen. Ich habe versucht klarzustellen, dass Priester Menschen sind, dass sie nicht unfehlbar sind. Zugleich habe ich deutlich gemacht, dass wir sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auf keinen Fall tolerieren dürfen.

Was bedeutet das konkret für die Kirche, es nicht zu tolerieren?

Dass wir die Dinge endlich beim Namen nennen. Wir müssen mit den Tätern, die ja oftmals wegen der im Strafrecht vorgesehenen Verjährung rechtlich nicht mehr zu belangen sind, innerkirchlich ins Gericht gehen. Das heißt, dass auf sie das Kirchenrecht konsequent angewandt wird. So können Priester auch vom Priesteramt ausgeschlossen werden. Natürlich muß gewährleistet werden, dass die Täter nicht mehr mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen. Versetzungen allein verschieben das Problem lediglich. Das hat die Vergangenheit eindeutig gezeigt. Wir dürfen nichts vertuschen und müssen uns klar von diesen abscheulichen Taten distanzieren.

Sind Sie denn mit der Aufklärungsarbeit der Bistümer zufrieden?

Die Bistümer haben so gehandelt, wie es meiner Meinung nach ihre einzige Möglichkeit ist. Es wurden Zuständige für die Missbrauchsfälle ernannt, dies sind auch unabhängige Männer und Frauen, die mit der Thematik vertraut sind. Von zentraler Wichtigkeit ist, dass jetzt den Opfern beigestanden wird und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich zu melden und zu äußern. Zugleich werden ihnen Hilfen angeboten, vor allem fachliche und therapeutische Begleitung.

Sollte man das Zölibat abschaffen?

Nicht nur kirchliche Einrichtungen sind vom sexuellen Missbrauch betroffen, das wurde vor allem in den vergangenen Tagen mehr und mehr deutlich. Dies zeigt an, dass es sich um ein Thema unserer Gesellschaft insgesamt handelt. Man kann nicht sagen, dass der Zölibat die Handlungen hervorgerufen hat. Fachleute sagen übereinstimmend, dass diese Brücke nicht zu schlagen ist. Ich erhoffe mir, dass die Aufklärungsarbeit der Kirche anerkannt wird und das Thema des sexuellen Missbrauchs auch in anderen Institutionen, Vereinen und Verbänden der Kinder- und Jugendarbeit offen besprochen werden kann. Es darf hier um der Kinder und Jugendlichen Willen nichts mehr verschwiegen werden. Nur so kann sexueller Missbrauch in Zukunft eingedämmt und verhindert werden.