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2008 - Predigt zu Gründonnerstag

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Gottesdienst am Abend des Gründonnerstags ist festlich gestaltet und hat etwas Österliches. Zugleich liegt ein tiefer Ernst auf dieser Feier: Es geht um Leben und Tod, um Hingabe bis zum Äußersten. Es sind eindrucksvolle Zeichen, die sonst im Gottesdienst nicht vorkommen. Zeichen, die aufmerken lassen, Zeichen, die programmatisch sind für uns als Gemeinde Jesu Christi, als seine Kirche.

Die Fußwaschung als Sklavendienst übernimmt Jesus vor der Feier des Abendmahls: So sollt ihr einander dienen, wie ich an euch gehandelt habe.

Das Abendmahl selbst, heut ist der Tag der Einsetzung dieses Abendmahls; heute erinnern wir uns daran, dass Jesus selbst diese Feier reingesetzt hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis! – Seine Hingabe soll unsere Hingabe werden.

Die Bänke in unserer Kirche sind heute auf den Altartisch hin ausgerichtet, der sich durch die ganze Kirche zieht. So wird erlebbar, dass jede und jeder einzelne von Jesus gemeint und mit Namen gerufen ist. Er hat uns eingeladen an seinen Tisch, jetzt. Er bereitet einen Platz für uns vor am Tisch des himmlischen Hochzeitsmahles.

Jesus beruft nicht die, die würdig sind. Er beruft die an seinen Tisch, die er dort haben will. Auch Petrus sitzt da, der ihn verleugnet. Auch Judas, der ihn verrät. Niemand wird weggeschickt. Die Tischgemeinschaft zerbricht nicht weil es ihm an Liebe oder Leidenschaft mangelt, weil er sich abgrenzt von den Schuldbeladenen und Schwachen. Die Tischgemeinschaft des Abendmahls zerbricht bei der Gefangennahme im Garten Gezemani an der Angst, der Todesangst der Jünger. Jesus, er hält sie nicht fest. Er hat das Vertrauen: Auch, wenn sie jetzt nicht standhalten, weil sie bloß auf ihre eigenen Kräfte vertrauen; die Jünger werden wiederkommen. Wiederkommen in der Erkenntnis ihrer eigenen Schwäche und ihres Versagens. Wiederkommen in der vertieften Erkenntnis von Jesu Liebe. Einer Liebe, die vor dem Tod nicht halt macht und im Tod nicht endet. Sie werden wiederkommen im Vertrauen auf die Kraft Gottes, die in den Menschen wirkt, die ganz aus dem Vertrauen leben.

Liebe Schwestern und Brüder: Berufung ist eine Angelegenheit persönlicher Beziehung. Eine zeitlang mag uns Tradition und guter Brauch zu Kirche und zum Gebet führen. Wenn es nicht irgendwann ganz persönlich wird, dann ist es nichts mit dem Glauben. So, wie die Jünger innerlich ringen mit ihrem Meister Jesus, so, wie sie versagen, neu beginnen, in Demut ihr eigenes Unvermögen eingestehen, so ist es auch bei uns. Er beruft nicht die Starken, die Alleskönner, die Strahlemänner, die Wortgewandten, er beruft dich und mich. – Warum wählt er uns aus? – Weil er uns liebt.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn gleich im Anschluss an das Abendmahl die Tische hier umgestoßen werden, das Licht gelöscht wird, der Chorraum ausgeräumt und das Allerheiligste weggetragen wird, dann geschieht dies in Erinnerung an den Weg Jesu, an seiner Angst, Gefangennahme, Verlassenheit. Zugleich geschieht es, weil wir Menschen zur Selbstüberschätzung neigen, auch im Glauben. Was wissen wir schon, wie es uns ergehen wird beim Sterben unserer Lieben; was können wir schon sagen, wenn unser Glaube bis an die Grenze des Lebens herausgefordert werden wird. Wenn uns etwas von dem genommen wird, was uns bisher Halt und Heimat war, wenn wir innerlich durchfallen, in den freien Fall geraten. Wissen wir dann noch zu rufen, ihn anzurufen: Herr, rette mich, ich gehe zugrunde!?

Wir können nur darum bitten, in der Anfechtung bewahrt zu bleiben. Wir können darum bitten, dass er uns zurückfinden lässt, wenn wir feige und kopflos geflohen sind.

Liebe Schwestern und Brüder, kommen wir in diesen Tagen und Nächten ins Gespräch mit ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, den uns bis über die Schmerzgrenze des Todes hinaus Liebenden. Er wartet. Er bittet. Er sucht diese Begegnung. Jetzt, hier, in dieser Nacht.

Pfr. Bernd de Baey