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2007 - Predigt zu Fronleichnam

Liebe Schwestern und Brüder!

Beten mit den Füßen“ – unter diesem Motto stand die Santiago-Pilgerreise, die am vergangenen Sonntagabend zu Ende ging. Über 200 km hat die Pilgergruppe in Spanien auf dem alten St. Jakobus-Pilgerweg zurückgelegt. Es war eine echte Herausforderung, mit über 20 Leuten eine solche Strecke zu Fuß zu bewältigen. Wir wollten zudem ja nicht einfach laufen, sondern verstanden uns als Pilger, wie es das Motto auch zum Ausdruck bringt: „Mit den Füßen beten“.

Wie beten wir eigentlich sonst? – Nun, meist mit gefalteten Händen, manchmal auch mit vor der Brust verschränkten Armen. Manchmal entdecke ich, dass ich mit dem Kopf bete – was ich dann alles will und was ich für gut und für richtig halte… Nun, der Mensch denkt, Gott lenkt – so lautet eine alte Spruchweisheit.

Beten, das geht doch eigentlich nur mit Kopf und Herz, mit Geist, Herz und Sinn. Der ganze Mensch will beteiligt sein, hineingezogen sein in das Gespräch mit Gott. Und das ist gar nicht so einfach. Es ist schon etwas besonderes, am Morgen in der Frühe, am Abend am Ausgang des Tages einen Raum der Stille zu finden, worin dieses Gebet, dieses Gespräch mit Gott einen echten Platz hat.

Mich hat das Motto: „Mit den Füßen beten“ sehr beschäftigt. Erst fand ich es irgendwie nicht ganz passend. Ich habe mich daran gerieben und gestoßen. Ist es nicht ein bisschen zu einfach gesagt? Wir laufen – und das soll zugleich Gebet sein? Ein Pilger sagte mir auf dem Weg: Diese Natur zu erfahren, die Stille, nur die Stimmen der Vögel zu hören, das Geräusch des Windes, den plätschernden Bach am Wegrand – das ist für mich Gotteserfahrung. Da spüre ich etwas von der Schönheit der Natur, und ich bin mit ihr eins. Zugleich weiß ich Gott nah.

„Mit den Füßen beten“ – ab und an konnten wir auf dem Weg den Rosenkranz beten, in kleinen Gruppen, wenn es nicht zu mühsam und steil bergauf ging, wenn der Weg nicht zu steinig, zu nass und glitschig war. „Zum Rosenkranz hatte ich eigentlich gar keinen Bezug mehr. Das war weit weg. Jetzt kann ich damit wieder etwas anfangen. Ich habe meinen inneren Rhythmus finden können, das war so ein Gleichklang, ein Ruhigwerden da.“ – so hörte ich an einem Abend beim Abendessen.

„Mit den Füßen beten“ – jede und jeder musste seinen/ihren eigenen Gangrhythmus und das eigene Tempo finden. So zog sich die Gruppe öfters auseinander – und doch behielten wir einander im Auge, warteten bei der nächsten Rast aufeinander. Einige wollten eine zeitlang für sich sein, und durften sich so doch getragen wissen von den anderen, die sich getragen und gehalten wissen von Gott. Menschliche Beziehung ist immer zugleich auch Gotteserfahrung. Er spricht zu uns durch die anderen. Das Gesicht eines jeden Menschen birgt in seiner Einmaligkeit göttliche Züge.

„Beten mit den Füßen“ – mir ging irgendwann auf, die Füße halten den Kontakt mit der Erde, unser Kopf erstreckt sich zum Himmel hin. Wer lange zu Fuß unterwegs ist, der kommt neu in Kontakt mit der Erde. Wir sprechen von der Mutter Erde. Wir hören in der Bibel „Aus Erde ist der erste Mensch geformt worden, aus Ackerboden.“ Ein Bild für unsere irdische Existenz. Zu Erde werden wir einst wieder werden, wenn unsere irdische – leibliche Wirklichkeit zu Ende gegangen ist im Tod.

Wir brauchen die Erde, um wahrhaft Mensch sein zu können. In unserer technisierten, schnelllebigen, von vielen Verfallsdaten geprägten Zeit ist dies dringend notwendig. Unserem von Termindruck und Atemlosigkeit bestimmten Leben fehlt die Anbindung an die Urkraft der Erde.

„Der Himmel über dir ist genauso weit wie die Erde unter dir“ – so habe ich einmal auf einer Spruchkarte gelesen. Wer nicht erdverbunden, d.h. in seinem inneren Rhythmus lebt, der weiß nichts vom Himmel, der ist abgeschnitten von der Welt Gottes, die unsere Welt sein soll und tatsächlich ist.

Liebe Schwestern und Brüder: „Mit den Füßen beten“ – das wollen wir auch heute, an Fronleichnam tun. Wir singen und beten, wir laufen gemessenen Schrittes durch die Straßen unserer Stadt. Gott ist in Jesus Christus mit uns auf dem Weg durch diese Welt und Zeit, in unserem Alltag, unserer Stadt. Das lasst uns gemeinsam dankbar feiern!

Pfr. Bernd de Baey