St. Vitus Logo

25.03.12 - Predigt zur Fastenzeit B
Zur Eröffnung der Ausstellung: Zeige dein Kreuz!

Liebe Schwestern und Brüder „Zeige dein Kreuz!“ so lautet der Titel der Ausstellung hier in der St. Vitus-Kirche. Zeige dein Kreuz! – das ist näher betrachtet nicht nur die Einladung, das Kreuz, das mir persönlich viel bedeutet, vor dem ich bete, stille Zwiesprache halte, mich bekreuzige, - dieses Kreuz für eine Woche auszuleihen für diese Ausstellung. Es geht auch darum, doch zu beschreiben, welche Geschichte dieses Kreuz hat und was mich besonders mit diesem Kreuz verbindet. Und das ist schon etwas sehr persönliches und schon gar nicht selbstverständliches, über mein Innerstes Auskunft zu geben. Häufig hat das Kreuz mit der Erfahrung innerer Verletzung zu tun, mit seelischem Schmerz, der mir zugefügt wurde. Diese Wunden trage ich nicht offen mit mir herum. Ich überlege gut, mit wem ich das wohl besprechen, wem ich diesen Teil meiner Lebensgeschichte wohl erzählen und anvertrauen kann. Die Kreuze sind daher zu einem guten Teil ohne Namensnennung ausgestellt. Zu persönlich sind die damit verbundenen Lebenserinnerungen. Umso dankbarer bin ich für die große Bereitschaft und Offenheit vieler, dieser Einladung: „Zeige dein Kreuz!“ zu folgen.

Beim Lesen der Berichte kam mir in den Sinn, dass oftmals gerade die extrem belastenden Situationen, die Krisenpunkte des Lebens für eine tiefere Verbindung zum Kreuz und damit zu Christus sorgen. Paradox ist: Was für den einen – bei äußerlich vergleichbarer Extremsituation – für die radikale Abkehr vom Glauben sorgt, ist für den anderen entschiedener Anlass zur Hinwendung zum Gekreuzigten. Und weiterhin gilt auch: Wer dem Kreuz die Kraft zutraut, der wird Hilfe erfahren: Halte dich fest am Kreuz, dann erfährst du: Das Kreuz trägt dich! Oder vielmehr: Der, der am Kreuz ausgestreckt hängt, hält dich!

Liebe Schwestern und Brüder, in unserer Ausstellung sind vor allem Kreuze zu sehen, die 50 bis 60 Jahre alt oder noch älter sind. Sie legen Zeugnis ab für eine bestimmte Formensprache, eine bestimmte Frömmigkeitsrichtung. Die Kreuze der Neugotik führen uns den Leidenschristus vor Augen, die Kreuze der Neoromanik zeigen den königlichen, den erhöhten wiederkommenden Herrn. Die Kreuze in der Art des süddeutschen Barock führen uns oftmals den gemarterten Jesus vor Augen. Diese Kreuze erinnern uns sehr an Tod und Leiden. Das war die Lebenswirklichkeit vieler Menschen damals; vor allem bedingt durch die Weltkriege, die Armut und nicht selten durch Hunger und Krankheit starben viele vor der Zeit. Christusglaube ist immer auch Bewältigung der Erfahrung von Tod. Wenn so vieles vergeht, dann frage ich besonders intensiv nach dem, was bleibt, was auch im Tod trägt – und was durch ihn hindurch trägt.

Heute ist der Tod längst nicht mehr so präsent in unserer Gesellschaft. Die Lebensverhältnisse haben sich Gott Dank vielfach zum Guten gewendet. Viele blenden die Realität des Todes aus. Sie schrecken vor dem Kreuz zurück, das immer auch an unsere eigene Sterblichkeit erinnert, das immer auch an Schmerz und Leid erinnert, als eine Realität unseres Lebens, der wir uns stellen müssen – früher oder später. Niemand kommt am Kreuz vorbei. Ich sage das hier ohne jeden Vorwurf. Jede Zeit hat ihre blinden Flecken und blendet wohl wesentliches aus. Das ist so.

Wie schön, dass einige Messdienergruppen Kreuz gestaltet und bemalt haben. Es sind Kreuze voller Buntheit und Leben. Kreuze, auf denen Namen stehen zum Zeichen dafür: Wir sind mit Christus verbunden. Er sorgt dafür, dass das Fest des Lebens nicht endet. Es braucht auch zunächst wohl einen ganz positiven Zugang zum Kreuz, voller Vertrauen. Wer das Kreuz als Lebenszeichen kennengelernt hat, der wird auch in Zeiten, in denen es schwer wird, am Kreuz festhalten wollen. Wie gut, dass es so unterschiedliche Kreuzesdarstellungen gibt. Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Das Kreuz, das mich hier in der Ausstellung unmittelbar anspricht, das sagt viel über mich und meinen Glauben aus. Im Kreuz spricht Christus mich an, lasse ich mich denn von ihm erreichen und ansprechen. Da geht es nicht bloß um Estetik, sondern um ganz persönliches Christusbild. Vielleicht halten Sie in der Ausstellung einmal bewusst Ausschau nach Ihrem Kreuz – und besprechen ihre Wahl mit anderen Besuchern. In diesem Kreuzbild begegnet mir Christus. Das ist das Entscheidende.

Ich hörte von einer Frau, die ihr Kreuz für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, dass ihr dieses Kreuz nun zuhause fehlt: „Ich mache das Kreuzzeichen und schauen intuitiv auf die Stelle an der Wand, an der sonst das Kreuz hängt. Ich nehme jetzt viel bewusster wahr, wann immer ich auf diese leere Wandfläche schaue, wie oft ich dorthin sehe.“

Andere konnten sich von ihrem Kreuz nicht trennen. Es kommt ihnen so vor, als sei Jesus dann nicht mehr da, wenn ihr Kreuz nicht an Ort und Stelle ist. Nun: Einmal werden wir alles loslassen müssen, in unserem Sterben. Auch die Bilder von Gott, von Jesus, die wir bei uns und in uns tragen. Und es kann durchaus sein, dass uns jedes bisherige Bild genommen wird. Alles ist vorläufig, auch unsere Bilder von Gott. Sie sind uns mitgegeben auf unserem irdischen Lebensweg, damit wir Gott leichter finden. Und zugleich gilt: Sie sind Hilfen, Wegzeichen, Erinnerungsmale. Kein noch so kostbar gestaltetes Kreuz kann die Fülle des Heils annähernd darstellen, die uns im Kreuzeszeichen verborgen und offenbar zugleich geschenkt ist. Es braucht also unsere Offenheit und unseren Mut zum Loslassen alles Bisherigen, um das Ewige zu erlangen, das Gott für uns in seinem Sohn bereithält. Dann gilt auf vollkommene Weise, was wir beten: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist Leben.

Pfr. Bernd de Baey