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die Neue OrgelDie Neue Merten-Orgel

1. Adventssonntag 2015
Flyer erstellt von Pfr. Bernhard Lütkemöller

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Orgelfreunde aus nah und fern!
Endlich ist es soweit! Nach 13 Jahren vielfältiger Bemühungen ist heute unserer neue Merten-Orgel eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben worden.
Mit einem kleinen Kreis orgelbegeisterter Menschen hat alles angefangen. Zunächst nur in Wunschform: Wäre es nicht schön, wenn…

Dann aber konkret und tatkräftig, ideenreich und nachhaltig. Viele Projekte sind gestartet und durchgeführt worden und am Ende konnte der Kirchenvorstand guten Mutes den Auftrag erteilen: St. Vitus soll eine neue Orgel bekommen!

So freue ich mich heute mit den Begeisterten der ersten Stunden und mit Ihnen allen auf das Ergebnis solider, handwerklich ausgereifter Orgelbaukunst, auf die neue Merten-Orgel in der St.-Vitus-Kirche. Möge sie viele Jahre in Liturgie und Konzert zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen erklingen!

Pfarrer Bernhard Lütkemöller


Foto: RNPro Organo - Wie alles begann…

Aus historischen Schriften der Pfarrei ist zu ersehen, dass bereits am 29. November 1675 eine Pfeifenorgel in St. Vitus nach einer umfangreichen Renovierung fertig gestellt wurde. Während der Weihnachtsnacht des selben Jahres versagte die Stimme der frisch renovierten Orgel als das „heilige Wetter mit schrecklich strahlendem Feuer mitten durch die Kirche unter das Volk geschlagen“.

Nach dem Neubau der Kirche 1880 wurde auch bald die bisherige Orgel im Jahr 1883 von der Firma Fleiter in Münster für 7.000 Mark gebaut. Das Gehäuse fertigte die Schreinerei Theodor Lackmann für 2.025 Mark. Die Gesamtkosten konnten aus dem Vermächtnis der Witwe Schulze Bockolt bezahlt werden.

Dazu vermerkt Pfarrer Dirking nicht ohne Begeisterung in der Pfarrchronik:

Also wohl große Summen hat`s gekostet. Aber man sieht, was Begeisterung und Opferwilligkeit vermögen. So bleibt es für alle Zeiten der Ruhm der Gemeinde, dass sie fast ganz alleine – ohne fremde Kirchen- und Hauskollekte, welche heutigen Tages für die meisten Kirchenbauten gehalten werden – das hehre Werk zu Stande gebracht hat. Und so besitzt Olfen ein Gotteshaus, wie es für dasselbe Geld nicht leicht überboten wird.

Einige Jahre später, in den Jahren 1908 und 1927, gab es Bestrebungen, die Orgel sowohl im Tonumfang als auch an den Registern zu erweitern.

Nach dem ersten Weltkrieg erlebte der Chorgesang in den katholischen Kirchen einen ungeahnten Aufstieg. Die Chorsänger der St. Vitus Gemeinde begleiteten viele Messen nicht nur zu Hochfesten und hatten ihren Platz auf der doch zu engen Orgelempore über die Josefskapelle.

So entschloss man sich nach vielen Beratungen und Überlegungen im Frühjahr 1929 zwischen beiden Turmpfeilern eine neue größere Empore für die Orgel und die Chöre zu bauen.
Die Bauausführung lag in den Händen des Maurermeisters Hermann Bester. Die Orgel wurde von der Orgelbaufirma Fleiter umgestellt und mit einem neuen elektrischen Windmotor versehen. Außerdem wurde sie um zwei Register erweitert. Um die optischen Gestaltung der Orgel der Form des Westfensters anzupassen, wurden die Gehäuseteile seitenverkehrt aufgestellt.

Für die Finanzierung machte sich der Kirchenchor durch Sammlungen, Verlosungen usw. stark. Auch hier hat die große Spendenbereitschaft der Olfener Bevölkerung schnell zu einer Deckung der Umbaukosten geführt. Chorwerke mit Orgelbegleitung gehören seitdem zum ständigen Repertoire unserer Chöre.

1975 wurde die Orgel nochmals gründlich für nahezu 90.000 DM überholt. Im Jahr 1995 wurde als letzte größere Umbaumaßnahme ein Registertausch vorgenommen.

Heiner Dieckmann  


OrgelprospektPro Organo e.V. - sammelt Spenden zur Finanzierung der Orgelrestaurierung 

Die 120 Jahre alte Orgel in unserer Pfarrkirche St. Vitus hat die vielen Umbaumaßnahmen und die Verlegung auf die neue Empore nicht unbeschadet überstanden. Viele Kompromisse mussten eingegangen werden, um die Orgel den jeweiligen Anforderungen des Umbaus anzupassen. Durch die geteilte Aufstellung des Orgelgehäuses ist die Anordnung der Pfeifen akustisch nachteilig, der Klang der Orgel konnte sich nicht richtig entfalten und kam nur stark reduziert im Kirchenraum an. Nicht nur der Zahn der Zeit, auch der Holzwurmbefall war nicht mehr zu übersehen, so dass in Erwägung gezogen wurde, die Orgel grundlegend zu restaurieren und um einige Register zu erweitern.

Diese Überlegungen wurden durch die Empfehlung einiger Sachverständige bestätigt. So entschlossen sich im Jahr 2003 einige musikbegeisterte Gemeindemitglieder unter der Leitung der Kirchenmusikerin Christine Leicht Konzerte, Kunstaktionen und vieles mehr zugunsten einer Orgelrestaurierung durchzuführen. Um dieses Vorhaben rechtlich abzusichern wurde 2004 „Pro Organo e.V.“ gegründet. Aufgabe dieses Vereins war es Spenden zu sammeln, um die notwendige Finanzierung einer Orgelrestaurierung sicherzustellen.

Ursprünglich wurde mit rund 280.000 € gerechnet. In den folgenden Jahren hat „Pro Organo e.V.“ durch zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen viele Spenden gesammelt. Dabei haben insbesondere die beiden Bände des Kochbuches „Gaumenfreuden zwischen Stever und Lippe“, die Orgellotterie, das Konzert „Klangraum Kirche“ und das jährlich stattfindende Krippencafé für ein Ansteigen des Spendenbarometers geführt.

Nicht zu vergessen sind aber auch die hilfreiche Unterstützung von Vereinen und Gruppen, wie auch die zahlreichen privaten Einzelspender. All dies hat letztlich dazu geführt, dass bis zum Jahr 2013 insgesamt über 200.000 € gesammelt werden konnte.

Diese große Summe hat den Kirchenvorstand in 2014 veranlasst, das Projekt Orgelrestaurierung umzusetzen. Durch einen glücklichen Zufall konnte die Verbindung zum Orgelbauer Siegfried Merten aus Remagen hergestellt, der Register einer voll restaurierten englischen „Willis & Sons“- Orgel anbieten konnte. Ein derartiges Instrument ist im weiten Umkreis einmalig und bietet die Chance, die münsterländische Orgellandschaft zu bereichern.

Um den Preis nicht zu sehr ansteigen zu lassen, wurde gleichzeitig vereinbart, gut erhaltene Teile aus der alten Fleiter-Orgel aufzubereiten und mit den Registern der englischen Orgel zu verbinden. Dies alles führte schließlich dazu, dass die Firma Merten die Gesamtmaßname inklusiv einer Erweiterung von 24 auf 30 Register für insgesamt 340.000 € äußerst günstig anbieten konnte.

Zunächst wurde überlegt, die Orgel im Rahmen der Renovierungsarbeiten des Kirchenraumes zu restaurieren. Da das Bistum aber keine konkreten Finanzierungszusagen für diese Maßnahme aufgrund der allgemeinen Kassenlage abgeben konnte, beschloss der Kirchenvorstand, die Orgelrestaurierung in 2015 zu realisieren, zumal bereits über 240.000 € zur Verfügung standen.

Die Finanzierung der Restsumme wurde durch ein internes Darlehn sichergestellt. Am 26.04.2015 nach der Messe um 10.30 Uhr spielte unser Kirchenmusiker Thomas Hessel den letzten Ton auf der alten Orgel, schon am nächsten Tag begann der Abbau.

Heiner Dieckmann


 Die neue Orgel in der Kath. Kirche St. Vitus 

Der Weg hin zu einer neuen Orgel ist sicherlich auch immer ein Weg voller Abzweigungen, Hindernisse, Stolpersteine aber auch, wenn alles mit entsprechender Zielstrebigkeit verbunden wird, mit einem lohnenden Ergebnis. Dieses umzusetzen und zu verwirklichen durften wir beim Bau der neuen Orgel für St. Vitus Olfen realisieren.

Drei wesentliche Punkte sollten bei der Planung einer neuen Orgel als Grundlage dienen:

  • Die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.
  • Die Orgel optisch und klanglich (Disposition) auf den Kirchenraum von St. Vitus abzustimmen.
  • Die musikalische Konzeption muss einer bestimmten ästhetischen/stilistischen Vorgabe folgen und somit über einen eigenständigen Charakter und Profil verfügen.

Auf Basis dieser Aufgabenstellung ergaben sich für mich bei der Konzepterstellung wiederum drei fundamentale Kriterien:

  • Technischer Neubau mit optimaler Aufstellung der Windladen wie auch des Spieltischs.
  • Eine allen kirchenmusikalischen Anforderungen gerecht werdende und auf den Kirchenraum abgestimmte Disposition mit entsprechender Intonation des Pfeifenwerks.
  • Herstellen einer Symbiose zwischen der Wiederverwendung von Teilen einer historischen englischen Orgel, der vorhandenen Orgel und den neu gefertigten Elementen zu einer finanziell tragbaren Lösung.

Durch einen glücklichen Zufall konnte ich im Jahr 2013 altes englisches Pfeifenwerk erwerben. Es handelt sich um Pfeifen der Firma Willis & Sons und stammt aus einer Orgel für Lancaster von 1872. Diese Orgel wurde 1950 nach Liverpool verkauft und war dort bis 2012 in Betrieb.

Dieses historische Pfeifenwerk bildet somit den klanglichen Grundstock für das neue Orgelwerk in St. Vitus. Einige Register der ursprünglichen „Fleiter-Orgel“ aus dem Jahr 1883 konnten aus der alten Orgel übernommen werden und somit war die Grundlage für ein schlüssiges Gesamtkonzept geschaffen.

Die Basis der Gestaltung lag in der Wiederverwendung des historischen Untergehäuses, jedoch in gespiegelter, ursprünglicher Aufstellung. Darauf setzt sich ein flächiger Pfeifenprospekt, der durch die drei Turmelemente die dahinter angeordnete Werkaufstellung widerspiegelt – links und rechts Pedalwerk als C und Cs Lade, in der Mitte das Hauptwerk –, das eine Verbindungsbrücke zwischen den Untergehäusen herstellt. Damit ermöglicht man gleichzeitig einen freien Durchgang auf den vorderen Teil der Empore.

Ein bogenförmiger Labien- und Fußlängenverlauf an den neuen Prospektpfeifen in 96%iger Zinn/Bleilegierung (man nennt diese auch „englisches Zinn“) greift die Formgebung der neogotischen Gehäuseelemente auf. Die schlichten, gradlinigen Turmhauben der drei Prospekttürme mit geschweiften Gittern, als Verbindungselemente anstelle eines Schleierwerks, symbolisieren das „Neue“.

DispositionDer Versuch, die vielen Besonderheiten dieser Orgel zu beschreiben ist groß. Stellvertretend möchte ich hier zwei wesentlich nennen:

  • Die Unterteilung in Labial- und Lingualwerk im Schwellwerk, die eigenständig anspielbar und koppelbar sind und somit aus einer zweimanualigen eine dreimanualige Orgel werden lassen.
  • Die vielen unterschiedlichsten Klangcharaktere, z.B. der Oboe 8‘, der Klarinette 8‘ oder auch der verschiedenen Flöten und Prinzipale.

Egal welche wohlformulierten Beschreibungen man finden würde, es kann niemals das Hörerlebnis im Kirchenraum ersetzen.

Somit kann ich der Gemeinde und allen Kirchenbesuchern nur wünschen, dass möglichst viele bei den Gottesdiensten oder auch künftigen Konzerten dieses „neue Hörerlebnis“ genießen können.

Wir dürfen uns auf diesem Wege bei allen Beteiligten bedanken, die mit zur Entscheidung der neuen Orgel beigetragen haben und uns ihr Vertrauen für die Übernahme dieser Aufgabe geschenkt haben.

Siegfried Merten 


  OLFEN

St. Vitus - Konzert zur Orgelweihe
Sonntag, 29. November 2015, 17 Uhr

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Toccata und Fuge d-moll BWV 565

«Wachet auf, ruft uns die Stimme» BWV 645
Choralbearbeitung aus den Schübler-Chorälen

Sigfrid Karg-Elert (1877-1933)
«Hommage to Händel»
54 studies in Variation form on a ground bass of Händel

Frank Bridge (1879-1941)
Adagio in E major

Charles-Marie Widor (1844-1937)
Andante sostenuto
aus der Symphonie gothique op. 70

Louis Vierne (1870-1937)
Carillon de Westminster
aus den „Pieces de Fantasie“ op. 54

Ansgar Wallenhorst (*1967)
Improvisation über adventliche Themen

* * *

 


 

Ansgar WallenhorstAnsgar Wallenhorst

ist seit 1998 künstlerischer Leiter der Orgelwelten Ratingen und Kantor an St. Peter und Paul in Ratingen. Als Konzertorganist bereiste der Gewinner des Grand Prix beim 43. Internationalen Improvisationswettbewerb in Haarlem mehr als 20 Länder in Europa, Asien, Nordamerika und Australien.

1967 in Walsum am Niederrhein geboren, führte ihn seine musikalische Ausbildung mit 12 Jahren an die Orgel. Nach seinem Studium an der Würzburger Hochschule für Musik in der Orgel- und Improvisationsklasse von Prof. Günther Kaunzinger, in der Klavierklasse von Prof. Norman Shetler sowie in der Musiktheorieklasse von Prof. Zsolt Gárdonyi legte Ansgar Wallenhorst 1991 sein Kirchenmusik A-Diplom ab und wurde in die Orgel-Meisterklasse von Prof. Kaunzinger aufgenommen.

Im Alter von 25 Jahren wurde ihm das Meisterklassen-Diplom der Würzburger Musikhochschule verliehen.

Die Kunst der Improvisation vertiefte er in einem Studium bei Thierry Escaich und in der Klasse von Olivier Latry in Paris. Jean Guillou prägte bei den Züricher Meisterkursen abschließend seine Formation als Interpret und Improvisator.

In Münster und Paris studierte Ansgar Wallenhorst Theologie und Philosophie und widmet sich als Fundamentaltheologe dem Dialog von künstlerischen Disziplinen und philosophisch-theologischem Diskurs.

Als Kirchenmusikzentrum im Herzen des Kulturraumes Rhein-Ruhr haben sich die Orgelwelten Ratingen durch Stipendien, Auftragskompositionen und neue Formate einen Namen gemacht.

Im Jahr 2012 konnte in Ratingen der Prototyp einer innovativen netzwerkgestützten Orgelsteuerungstechnik realisiert werden, der dem Organisten die Rolle eines Klangdesigners eröffnet und dem Orgelspiel ein Fluidum neuer künstlerischer Möglichkeiten bietet.

Nach Lehrtätigkeiten an der Musikhochschule Dortmund und im Audimax der Ruhr-Universität Bochum verwirklicht Ansgar Wallenhorst seine interdisziplinäre Unterrichtsform als Mentor und Lehrer von Studierenden aus dem In- und Ausland sowie beim jährlichen Sommerkurs in Glenstal Abbey (Irland). Als Gastdozent an Hochschulen, bei Akademien und Festivals sowie als Jurymitglied internationaler Wettbewerbe (Haarlem, Strassbourg, Angers) widmet sich der Preisträger des 3ème Concours d’orgue de la Ville de Paris der Förderung junger Talente.

 


 

Beschreibung der Konzertstücke

Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565)

ist wohl das mit Abstand bekannteste Orgelwerk Johann Sebastian Bachs. Die Komposition besteht aus drei Abschnitten: einer Toccata, also einem Präludium (Vorspiel) aus schnellen Läufen und vollgriffigen Akkorden, und einer sich anschließenden vierstimmigen Fuge, die ihrerseits in einen mit „Recitativo“ bezeichneten Schlussabschnitt mündet, der wieder den quasi improvisatorischen Charakter des Anfangs aufnimmt. Alle Teile sind durch deutliche motivische und harmonische Bezüge miteinander verbunden.

Das Werk beginnt mit drei charakteristischen schnellen Rufen beider Hände in Oktaven; es folgt ein verminderter Septakkord über dem Orgelpunkt des Grundtons in seiner Auflösung. Damit ist bereits das wesentliche melodische Material vorgestellt, aus dem sich der weitere Verlauf entwickelt. So wird der Septakkord immer wieder zur Gliederung schnellen Passagenwerks eingesetzt, und ähnlich bildet er in arpeggierter Form die Basis für die virtuosen Figuren, in denen immer beide Hände parallel geführt werden.

„Verminderte Sept- und neapolitanische Sextakkorde bilden eine Kombination altertümlicher und moderner Harmonik, die für den jungen Bach geradezu charakteristisch erscheint.“[1] Wichtiger noch ist das Element des von der Quint zum Leitton (siebte Stufe) absteigenden Tonleiterfragments, aus dem die meisten melodischen Vorgänge abgeleitet sind und ein Motiv, das die Töne eines Tonleitergangs mit einem gleichbleibenden, repetierten Liegetons abwechseln lässt.

[1] Siegbert Rampe (Hrsg.): Bachs Klavier- und Orgelwerke, Teilband 4/1, 2007, ISBN 978-3-89007-458-0, S. 364


Die Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 645

stammt aus einer Sammlung von sechs Werken für Orgel und ist ebenfalls eines der bekanntesten Werke Bachs.

Die genaue Entstehungszeit der Sammlung ist unbekannt; der Originaldruck wurde 1748/1749 von Johann Georg Schübler in Zella besorgt; ihm verdankt sie auch ihren Namen. Fünf der sechs Sätze sind Bearbeitungen von erhaltenen Kantatensätzen. So auch BWV 645: die Vorlage ist der 4. Satz „Zion hört die Wächter singen“ aus der Kantate 140.


Die "Homage to Handel"

genannten Orgelvariationen über ein achttaktiges Bassthema von Georg Friedrich Händel vermitteln einen guten Eindruck vom breit angelegten kompositorischen Können des Komponisten Sigfried Karg-Elert, der (mit eigentlichem Namen Siegfried Theodor Karg) 1877 im schwäbischen Oberndorf am Neckar als jüngster Sohn des Buchhändlers Johann Jacob Karg zur Welt kam. 1882 zog die Familie nach Leipzig; dort folgten mit dem Eintritt in einen Knabenchor und bald aufgenommenem Klavierunterricht die ersten musikalischen Schritte.

Emil Nikolaus von Reznicek, dem der junge Karg 1896 eigene Kompositionen unterbreitete, sorgte für ein Freistudium am Leipziger Konservatorium. Im 1. Weltkrieg leistetet Karg-Elert Militärdienst als Regimentsmusiker, 1919 erhielt er eine Dozentur für Theorie und Komposition am Leipziger Konservatorium. Dort wurde er 1932 zum Professor ernannt; zu seinen Schülern zählten unter anderem Willy Burkhard, Paul Schenk und Fritz Reuter.

1933 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Komponisten so rapide, dass er am 9. April mit gerade einmal 55 Jahren starb. Schon bald nach der Machtübernahme der Nazis wurde der stets kosmopolitisch orientierte Nichtjude Karg-Elert in die 1. Auflage des berüchtigten "Lexikons der Juden in der Musik" aufgenommen. 1936 gelang es seiner Tochter zwar, die Streichung aus diesem *Lexikon* zu erreichen, aber trotzdem wurde seine Musik im 3. Reich nicht mehr aufgeführt. Auch in den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde kaum über den Komponisten und seine Musik gesprochen, aber inzwischen hat zumindest unter Orgelmusikfreunden eine deutlich spürbare Renaissance eingesetzt.


Das Adagio in E für Orgel

von Frank Bridge (1879 – 1933) ist eines der am häufigsten aufgeführten Werke dieses britischen Komponisten. Obwohl er selber nicht Organist war und auch persönlich der Musik der Anglikanischen Kirche nicht verbunden war, gehören seine kurzen Orgelstücke zu den beliebtesten seines Schaffens. Frank Bridge war Lehrer des weithin bekannten britischen Komponisten Benjamin Britten, der ihm 1937 mit „Variations on an Theme of Frank Bridge“ ein musikalisches Denkmal setzte. Das Adagio in E, ein der Spätromantik verpflichtetes Werk, ist eine vierstimmige Fuge von poetischer Ausdruckskraft, die von den tonalen Möglichkeiten der Orgel vollen Gebrauch macht.

Charles-Marie Widors Urgroßvater, der Steinmetz Jean Widor († 1777), wohnte in der Schweiz, er stammte ursprünglich aber höchstwahrscheinlich aus Ungarn. Sein gleichnamiger Sohn Jean Widor (1775−1854) verließ die Schweiz und zog ins Elsass, wo er in den Dienst der Orgelbauwerkstatt Callinet trat. Sein Sohn François-Charles Widor (1811–1899) wurde zwar ebenfalls in das Orgelbauhandwerk eingeführt, erhielt aber vor allem eine Ausbildung als Organist, Pianist und Komponist. Er ließ sich 1838 in Lyon nieder, wo er als Organist, Pianist, Komponist und Musiklehrer tätig war und einen hervorragenden musikalischen Ruf erwarb, der bis nach Paris reichte.

In überlieferten Pressezeugnissen wird seine brillante Improvisationsfähigkeit gelobt. Seine zehn Orgelsinfonien, komponiert im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, übertragen die Form und die Klanglichkeit der Orchestersinfonie auf die Orgel. Dabei geht es Widor mit dieser Namensgebung nicht in erster Linie um eine Imitation des romantischen Orchesters, sondern um die Etablierung der Orgel als eines ihm ebenbürtigen Klangkörpers. Voraussetzung dafür sind die orgelbaulichen Neuerungen Aristide Cavaillé-Colls (1811–1899), der mit seinen an einer „sinfonischen“ Klangästhetik orientierten Instrumenten die Komponisten seiner Zeit zu entsprechenden Werken inspiriert.

Einen neuen Weg schlägt der reife Widor schließlich mit der Symphonie gothique op. 70 (1894) und der Symphonie romane op. 73 (1899) ein, die stilistisch bereits auf seinen Schüler Tournemire verweisen. Sie sind gekennzeichnet durch einen eher gedämpften, spirituellen Charakter sowie einen freieren, deklamatorischen Stil unter Verwendung gregorianischer Themen. Diese bestimmen nicht nur den Charakter einzelner Sätze, sondern umspannen – ähnlich Leitmotiven – das Gesamtgefüge des jeweiligen Werkes. Das Andante sostenuto ist der zweite Satz dieser Orgelsymphonie.


Carillon de Westminster,

Opus 54 No.6, ist ein für Orgel geschriebenes Stück des französischen Komponisten und Organisten Louis Vierne (1870 – 1937), der dieses Stück am 29. November (!) 1929 in Notre Dame in Paris zum Schluss des 40-stündigen Gebetes zur Uraufführung brachte. Es war ein Erfolg von Anfang an.

Vierne verstand seine Angaben zur Registrierung als „Hinweis für die generelle Farbgebung“ seiner Stücke, nicht als sklavisch zu befolgende Anweisungen. Wie der Titel des Stückes bereits anklingen lässt, ist „Carillon de Westminster“ eine Fantasie über die Glockentöne des Westminster-Palastes in London, wo die Töne Gis, Fis, E und H alle 15 Minuten in unterschiedlichen Mustern erklingen.